Emden - Nach meiner kurzen Fahrzeit auf „Hillerdine Wessels“ wurde mir gleich ein neues Angebot von der Reederei gemacht: Ich könne auf dem Seeschlepper „Gerrit Wessels“ anmustern, und zwar als Koch für eine Reise von Rotterdam nach Lissabon. Ohne weitere Erklärungen abzuwarten, stimmte ich sofort zu. Am 18. Juli 1969 habe ich auf „Gerrit Wessels“ angemustert.
Die Reise nach Rotterdam verlief sehr ruhig. Für mich war es ein enormer Unterschied zu der Arbeit auf einem großen Schiff. Der gewaltige Schub von 3600 PS ließ die „Gerrit Wessels“ durch die See pflügen. Die Heckwelle hinterließ bei voller Fahrt ein breites, weißes Schraubenwasser.
Ernst Richter ist 1939 im Erzgebirge geboren.
Er fuhr für verschiedene Reedereien, unter anderem als Schiffskoch, auf großer Fahrt und im Fährverkehr der AG Ems.
Er ist Mitgründer des Emder Museums „Freunde der Seefahrt“.
Am 23. Juli 1969 liefen wir vor Rotterdam das Lotsenschiff an. Mit Lotsenhilfe gelangten wir in den Hafen und machten vorübergehend an dem Ponton „Mulus“ fest, der nach Lissabon geschleppt werden sollte. Er war beladen mit einem großen Eimerbagger sowie zwei etwa 80 Meter langen Schuten. Alle Mann der Besatzung waren mit schwerem Leinengut und sechs Meter langen Ankerkettenstücken beschäftigt, um die Verbindung zwischen Schlepper und Ponton sicherzustellen.
Zügig Richtung Atlantik
Nach der relativ kurzen Vorbereitungszeit von drei Tagen konnten wir in Begleitung eines Hafenschleppers den Hafen von Rotterdam verlassen. Der Abstand zum Ponton musste immer der Wassertiefe angepasst werden, damit der Schleppdraht nicht den Grund berührte. Im Englischen Kanal wurde der Abstand wegen zunehmender Wassertiefe langsam vergrößert. Die Schleppfahrt ging zügig dem Atlantik entgegen. Die gesamte siebentägige Reise nach Lissabon verlief ruhig. Die große Baufirma aus Holland, die diese Arbeitsgeräte zum Ausbau eines großen Trockendocks in Lissabon benötigte, konnte zufrieden sein.
Auf diesem Schiff fuhr Ernst Richter 1969 über Rotterdam nach Lissabon: die „Gerrit Wessels“. Bild: privat
Lissabon war mir von früheren Reisen bekannt. Mit der „Peter Wessels“ hatte ich von hier aus mehrere Charterfahrten gemacht, kannte viele Sehenswürdigkeiten, doch jetzt musste erst einmal die kostbare Fracht zum Löschen vorbereitet werden. Die ganze Besatzung war eine gute Gemeinschaft, und so konnte ich im Schlepp- und Bergungsgeschäft meine Arbeit als Koch mit viel Freude verrichten.
Völliges Neuland
Der Ponton wurde langsam auf das Fluten der einzelnen Tanks vorbereitet, so dass die Schuten und der Eimerbagger aufschwimmen konnten. Wir alle beobachteten das Schauspiel. Für mich war es völliges Neuland zu sehen, wie dieser riesige Ponton ins Wasser eintauchte und die Schuten und der Bagger von kleinen Hafenschleppern zur Werft geschleppt wurden. Der Ponton wurde sofort wieder mittels Hydraulikpumpen in Schwimmposition gebracht und von der Besatzung der „Gerrit“ durch eine neu angelegte Schleppverbindung für den Rücktransport vorbereitet. Als diese Arbeiten abgeschlossen waren, hieß es Auslaufen aus Lissabon. Diesen Hafen bin ich danach nie wieder angelaufen.
Wir fragen wieder: Wer erinnert sich an Begebenheiten von früher? Melden Sie sich bei uns. Unsere Mitarbeiterin Iris Hellmich, die diese Serie betreut, ist unter 04921/8900401 oder per E-Mail an IrisHellmich@gmx.de zu erreichen.
Am 3. August 1969 kam die endgültige Order, dass es nach Hamburg gehen sollte. An meist langer Schleppleine zog die „Gerrit“ den Ponton namens „Mulus“ vorbei an Kap Finisterre im Nordwestern Spaniens, durch die Biscaya, den Englischen Kanal, die Nordsee bis nach Hamburg, wo wir am 8. August 1969 festmachten.
