Emden - Die neue „Mitarbeiterin“ kann eine Plaudertasche sein – wenn man sie lässt. Borkumurlauber erleben das auf der AG Ems-Fähre „Ostfriesland“ ganz direkt. „Guten Morgen! Vielen Dank! Bitte lassen Sie mich kurz vorbei. Entschuldigen Sie mich, Essen ist unterwegs.“ Selbst ein Geburtstagsständchen kann Gastro-Roboter BellaBot trällern. Und dazu all das, was ihre Nutzer sonst noch so alles programmieren.
Die künstliche Intelligenz hat in der Emder Gastronomie Einzug gehalten. Auf der Fähre rollt das computergesteuerte Vehikel über das Salondeck der Auto- und Personenfähre. Zur Begeisterung der Servicekräfte, aber auch zum großen Vergnügen der meisten Gäste, vor allem der Kinder. Die hätten einen Riesenspaß daran, sagt Servicekraft Maike Eggen im Gespräch mit dieser Redaktion.
Goldener Adler startete
„Das ist in unserem Restaurant das Foto-Objekt schlechthin“, hat Rainer Ahlers beobachtet. Ahlers betreibt gemeinsam mit seiner Frau Elke das Hotel Restaurant Goldener Adler. Das Haus am Ratsdelft war, wie Ahlers betont, das erste in Ostfriesland, das sich für rund 20 000 Euro eine „Bella“ anschaffte. Im November 2021, mitten in der Coronazeit, war das. 50 Prozent der Kosten wurden als Coronahilfe vom Land erstattet.
Der Kauf sei nicht aus Lust und Laune erfolgt, sondern notgedrungen, erklärt Rainer Ahlers im Gespräch.
BellaBot ist ein Roboter aus chinesischer Fertigung, der vornehmlich in der Gastronomie verwendet wird.
Der Preis liegt bei rund 20.000 Euro pro Exemplar. Mehrere Betriebe setzen nach eigenen Angaben darauf, weil sie nicht mehr ausreichend Personal im Servicebereich finden.
Das Gerät mit Katzenanmutung ist knapp 1,30 Meter hoch und wiegt knapp 60 Kilo. Die Batterieausdauer wird offiziell mit zehn bis 24 Stunden angegeben, die Tragleistung mit viermal zehn Kilogramm (vier Tabletts). Weitere technische Angaben lauten: „lebhafte Gesichtsausdrücke, 3D Hindernisvermeidung, zentimetergenaue Positionierung“.
Der allgemeine Arbeitskräftemangel, der unter anderem die Gastronomie erfasst hat, habe ihn zum Handeln gezwungen, sagt der Koch und Hotelier. „Wir bekommen immer weniger Aushilfen.“ Auch feste Kräfte werden nach wie vor gesucht. Ahlers: „Ein bis zwei könnte ich durchaus noch gebrauchen.“ Wenig überraschend, dass auch kritische Stimmen laut wurden. Speziell auf Facebook habe es einen Shitstorm gegeben, weil manche in dem Roboter einen Arbeitsplatzvernichter sehen, berichtet Ahlers.
Entlastung für Personal
Auch mit BellaBot werde eine Mindestanzahl an Personal benötigt, unterstreicht Oliver Klaassen, Geschäftsführer der drei Inselhotels auf Borkum und zuständig für die Gastronomie an Bord der Flotte. Nicht überall werde die Sollstärke beim Personal erreicht, räumt Klaassen ein. „Zurzeit sieht es aber so aus, dass wir alle Stellen besetzen können“, sagt er mit Blick auf die kommende Saison. Eine Überlastung der Mitarbeiter sei letztlich nicht wirtschaftlich, rechtfertigt er indirekt den Einsatz des Roboters.
BellaBot nimmt (noch) keine Bestellungen entgegen und kann auch nicht den Tisch abräumen. Trotzdem sprechen Mitarbeiter im Servicebereich von einer Arbeitserleichterung: „Das ist eine große Hilfe“, findet Maike Eggen auf der „Ostfriesland“. Maren Faß im Goldenen Adler stimmt dem zu. Sie und ihre Kollegen müssten nun deutlich weniger tragen. Wer schon mal im Service gearbeitet hat, der weiß: Servieren belastet Arm und Schulter. Allein in den ersten drei Monaten legte der Roboter 60 Kilometer zurück, 3500 Aufträge wurden registriert. Inzwischen erledigt „unsere Bella“, wie sie in Ahlers’ Restaurant genannt wird, etwa 400 Tischdienste pro Tag. Das heißt: Auf den vier Tabletts bringt die in China gebaute Helferin vor allem Speisen, aber auch Getränke an die gespeicherten Tische. 40 sind es im Goldenen Adler, 66 auf dem Salondeck. Die Servicemitarbeiter tischen nur noch auf oder decken ab und schicken „Bella“ in Richtung Spüle oder zum Tresen, was dann am Heck des Gefährts aufleuchtet.
Künstliches (Arbeits)Tier
Sensoren sichern eine unfallfreie Fahrt oder lassen die digitale Kollegin auch schon mal vor einem Hindernis stoppen. Wie sie sich bei Seegang verhält, weiß man noch nicht. Die Nordsee war zuletzt gnädig. Über Nacht wird die „intelligente Katze“ (Werbetext) geladen, um wieder fit für den nächsten Arbeitstag zu sein. Auf dem Touchdisplay geben Servicemitarbeiter ein, was zu tun ist, damit sich „Bella“ in Bewegung setzt. Ein Gesicht auf dem Bildschirm zeigt, welches künstliche Tier hier maunzt und plappert. Im Goldenen Adler ist der Ton komplett abgestellt, auf dem Schiff wird der volle Sprachmodus angewandt. Wer die angedeuteten Ohren streichelt, hört Wohlfühllaute. Wird es dem Apparat zu viel, meckert er. Wie im richtigen Leben.
