Emden - Er nennt sich selbst gern den letzten aktiven Emder Schulleiter aus dem letzten Jahrtausend. Und mit seinem Start als Rektor 1999 an der Grundschule Petkum-Widdelswehr kommt das rein zahlentechnisch auch hin. Wie der letzte Dinosaurier aus grauer Vorzeit wirkt Punkrock-Liebhaber Volker Lischewski (63), der auch mal sein Brot als Lkw-Fahrer verdient hat, aber ganz und gar nicht – auch wenn er in diesem Jahr exakt 40 Jahre Schuldienst auf dem Buckel hat.
Volker Lischewski wurde vor 63 Jahren in Nienburg/Weser geboren. Über Hildesheim kam er nach Rotenburg/Fulda, wo er sein Abitur ablegte.
Das Lehramtsstudium (Mathe, evangelische Religion) folgte von 1978 bis 1981 in Kassel. Sein Referendariat absolvierte er bis 1983 auf einer Gesamtschule in Bebra, fand danach aber infolge der Lehrerschwemme keine Anstellung und verdiente sein Geld bis 1986 als Lkw-Fahrer für einen Elektrogroßhandel.
1986 klappte es dann doch. Nach einem Jahr an der Inselschule Juist, unterrichtete er von 1987 bis 1992 an der Grundschule Pewsum, von 1992 bis 1999 in Loppersum, seit 1999 ist er Rektor der Grundschule Petkum-Widdelswehr und feiert dort nächstes Jahr „Silberhochzeit“. Bis zum Ruhestand dauert es aber noch (Sommer 2026).
In seiner Freizeit hört Lischewski gern Musik (auch Punkrock), ist ein leidenschaftlicher Konzertgänger und guckt gern Fußball. Bis 2016 war er als Basketballer beim Emder Turnverein aktiv. Lischewski ist verheiratet und hat fünf Kinder. Das erste Enkelkind ist unterwegs.
In dieser Zeit hat er nicht nur nicht allerlei schulpolitische Entwicklungen und Windungen miterlebt (Lehrerschwemme in den 80ern, Abschaffung der Orientierungsstufe, Auflösung von Dollart- und Emsschule, Gründungskampf der IGS, die landesweite Schulinspektion, die Emder Schulstrukturreform), sondern auch eine Menge Improvisationstalent beweisen müssen – speziell in Petkum-Widdelswehr.
Zweigeteilter Beginn
Als Lischewski vor 24 Jahren dort Rektor wurde, war die Grundschule nämlich zweigeteilt. Die beiden Klassen 1 und 2 lernten in Vierhausen (Petkum), 3 und 4 knapp zwei Kilometer entfernt in Widdelswehr. „Ich musste also ständig hin- und herpendeln“, erzählt Lischewski. Rektorzimmer und Lehrerzimmer in Vierhausen waren praktisch eins, zusammengequetscht auf der alten Schulbühne. Wenn der Schulleiter telefonierte, mussten alle anderen hinaus – bis Lischewski bewirken konnte, die kleine Außenstelle der Stadtbücherei im Haus zum Lehrerzimmer zu machen.
Damit war aber längst nicht alles gut in der Schule, die kurz darauf „Verlässliche Grundschule“ wurde. „Wenn man in Widdelswehr im Lehrerraum die Bodenklappe unterm Tisch aufmachte, konnte man aufs Grundwasser gucken“, erinnert sich Lischewski. Das Wasser blieb ein stetiger Begleiter, einen eigenen Hausmeister gab es aber nicht. Der kam einmal in der Woche von der Westerburgschule in Borssum herüber. „Dem musste ich immer Zettel hinlegen, mit allem, was defekt war.“
Stürmische Zeiten
Dabei hatte eigentlich schon in den 1980ern neben der frisch erbauten Turnhalle an der Blumenstraße ein Schulneubau entstehen sollen. Der Durchbruch kam – buchstäblich – mit dem großen Wassereinbruch beim Sturm im Jahr 2000. Rektor, Lehrer und Eltern gingen auf die Barrikaden. Bereits im August 2001 wurde an der Blumenstraße Einweihung gefeiert, erstmals mit allen vier Jahrgängen an einem Ort. Improvisiert werden musste aber weiterhin. „Denn in einem Jahrgang hatten wir jetzt zwei Parallelklassen.“ So wurde die Aula zum Klassenraum. Im Schuljahr darauf kam eine weitere Klasse hinzu. Damit war auch die Schulbücherei besetzt. Mit einem ersten Anbau 2005 und der Schulhof-Erweiterung 2008 war dann erstmal Ruhe – bis sinkende Schülerzahlen die Schule 2015/16 in Auflösungsgefahr brachten.
Veränderter Alltag
Mit der Ausweisung neuer Baugebiete stieg die Zahl wieder. Aktuell liegt sie bei 100 Kindern. Weitere Zunahmen werden erwartet, der 2019 genehmigte neue Anbau (zwei Klassenräume, Verwaltungstrakt, Sanitär-, Inklusions- und weitere Räume) hat Gestalt angenommen, ist aber noch nicht ganz fertig.
Doch nicht nur die Inklusion hat den Schulalltag verändert. „In Mathe zum Beispiel könnte ich Klassenarbeiten von vor 30 Jahren so nicht mehr schreiben lassen“, sagt Lischewski. Denn: „Mit Zunahme der modernen Medien und weil alles so schnelllebig geworden ist, hat bei vielen die Konzentrationsfähigkeit gelitten.“ Verteufeln will er die neuen Möglichkeiten deshalb nicht, sondern lieber einen gesunden Mittelweg finden. Daher gibt es an seiner Schule zwar inzwischen auch ein Smartwatch-Verbot, zur Belohnung für gute Mitarbeit darf aber moderne Musik laufen. Mehr Tempo wünscht er sich dagegen bei der Digitalisierung („das geht in Richtung Bund, die Stadt gibt sich ja alle Mühe“) und vom Land endlich Taten gegen Lehrermangel und Unterversorgung – damit auch jene Kinder, die nicht inklusiv zu beschulen sind und keinen Flüchtlings- oder Migrationshintergrund haben, individueller gefördert und gefordert werden können. Und etwas mehr Wertschätzung für den Lehrerberuf könnte seiner Ansicht nach dabei auch nicht schaden. „Trotzdem“, sagt Lischewski, „Grundschullehrer würde ich immer wieder werden wollen – wegen der Kinder.“
