Emden - Sonnabend und Montag Transvaal, Dienstag Neue Heimat, mittwochs ging’s nach Hilmarsum – Paul Hansch kennt seine alten Routen noch genau. Aus dem 88 Jahre alten quicklebendigen Emder sprudelt es nur so heraus, wenn es um seinen alten Beruf geht. Paul Hansch ist der letzte Emder Kohlenhändler und vor allem bei älteren Menschen bekannt wie ein bunter Hund. Wobei das bei seinem Metier vielleicht ein wenig schräg klingt. Sind Briketts, Eierkohlen und Koks doch vor allem eins: pechrabenschwarz.
Seit über 100 Jahren gewissermaßen die Farbe seiner Familie. Paul Hansch ist schließlich Enkelsohn von Paul Lorbecki, der 1925 seine Kohlenhandlung in der Nesserlander Straße eröffnete. Der Name Lorbecki ist in Emden seitdem untrennbar mit Kohle verbunden. Über Jahrzehnte sorgte die Familie für warme Wohnungen in der Stadt, lieferte Energie zum Heizen und Kochen. „Mein Opa hatte damals schon das größte Geschäft in Emden“, sagt Paul Hansch. Sein Großvater war Kommunist, legte sich mit den Nazis an und landete schließlich im KZ. Ein Stolperstein erinnert heute an ihn. „Ein großzügiger Mann“, erinnert sich Hansch. Für ihn sei es Ehrensache gewesen, dass auch bei klammer Kohlen-Kasse die Wohnungen der ärmeren Emder nicht kalt blieben. „Mutter, der Mann mit dem Koks ist da“ – anders als im populären Schlager hatte Paul Lorbecki ein großes Herz für die Menschen, die nicht auf der Sonnenseite des Lebens stehen.
Mit Pferden unterwegs
In seinem Element: Paul Hansch bei der „schwarzen Arbeit“. BILD: privat
Fast schon symbolisch, dass der Firmensitz an der Eingangsstraße zum Arbeiterviertel Port Arthur liegt. In dem markanten Haus wohnt Paul Hansch noch heute. „Wiederaufgebaut aus den Trümmern des Zweiten Weltkriegs“, wie er sagt. Das hübsche Leuchtreklamen-Schild über der Eingangstür, eine Reminiszenz an alte Zeiten. Es hängt dort schon seit den 1950ern, als Paul Lorbecki nicht nur Großvater, sondern gleichzeitig auch Chef seines Enkelsohns war. Ein familiärer Betrieb, für den jungen Paul Hansch aber auch harte Jahre. „Mein Großvater war eigen, noch vom alten Schlag“, sagt er. Das heißt, viel Handarbeit, wenig Technik. In den ersten Jahren lieferten die Lorbeckis die Kohle sogar noch mit Pferdegespannen aus. „Sieben Mitarbeiter und sechs Gespanne“, fasst es Hansch zusammen. Andere Zeiten. Die Pferde wurden seinerzeit noch im Früchteburger Grünland ausgespannt, um sich mit frischem Gras zu stärken.
Erst eine Lehre
Reminiszenz an alte Zeiten: Über der Haustür der Schriftzug aus den 1950ern. BILD: privat
Ganz in der Nähe, in der Werkstatt von Hans Krutzke, absolvierte Paul Hansch ab 1951 zunächst seine Lehre als Autoschlosser. Der Junge soll erst mal was Anständiges lernen – Vater Adolf Hansch hatte da seine Prinzipien. „Für mich war es Gold wert“, ist Paul Hansch überzeugt. Als er 1955 in den Familienbetrieb einsteigt, kann er alles reparieren, was mit Motor, Schraube und Mutter zu tun hat. Etwa, wenn das Förderband mal streikt, das 1965 angeschafft wurde. Hoch türmen sich die schwarzen Kohle-Berge auf dem Lagerplatz in der Nesserlander Straße. Die Firma verfügt sogar über einen eigenen Gleisanschluss. Die Züge kamen aus dem Raum Köln und Vechta und fuhren quasi bis auf den Hof.
120 Pfund schwer
Trotz Förderband – Kohlenhandel heißt Knochenarbeit. 120 Pfund wog ein gefüllter Korb aus Weidengeflecht. Die 3000 Tonnen verkaufte Kohle im Rekordjahr 1968 spürt Paul Hansch noch heute. „Jedes einzelne Kilo ist durch meine Hände gegangen.“ Schmerzen im Nacken und Rücken sind bleibende Erinnerung daran. Nichts für Weicheier waren ebenfalls Eierkohlen. Das darin enthaltene Teer und verschwitzte Haut im Hochsommer, keine gute Kombination. Ganz im Gegenteil zu Paul Hansch und seiner Frau Luise – all die Jahre sind sie privat wie beruflich ein unschlagbares Team. Sie behält den Überblick im Büro, er ist draußen bei Schaufeln und Körben und fährt die Ware aus.
Firmengründer: Dorothea und Paul Lorbecki. BILD: privat
Neben den unzähligen Privatkunden beliefert Hansch auch die ganz Großen: Bundesbahn, Nordwestdeutsche Kraftwerke und andere. „Einst gab es 28 Kohlenhändler in Emden“, blickt Hansch zurück. Doch Gasheizungen lösen die alten Kohleöfen ab, nach und nach geben die Mitbewerber auf. Lorbecki bleibt. Die Energie-Wende lässt sich aber nicht aufhalten. Zu Silvester 1993 schaufelt Paul Hansch dann seinen letzten Korb. Es werden Fotos gemacht, die Söpke-Flasche geht um. Das war’s. In Emden geht eine Ära zu Ende. Losgelassen hat Paul Hansch sein Leben mit der Kohle nie. Sonnabend und Montag Transvaal, mittwochs ging’s nach Hilmarsum.
