Emden - Das Leben von Margarita Tuz war gerade wieder etwas leichter geworden. Die Scheidung lag schon etwas zurück, die beiden kleinen Kinder hatten die Trennung von ihrem Vater einigermaßen überwunden und mit dem Job konnte die Alleinerziehende die kleine Familie inzwischen auch ganz gut über Wasser halten. Sogar ein Urlaub war zuletzt möglich gewesen. Doch dann war plötzlich Krieg und in Lutsk, 400 Kilometer nordwestlich von Kiew, das dumpfe Dröhnen von Bomben und Raketen zu hören. Damit war das Leben von Margarita Tuz von einem Tag auf den anderen plötzlich ein ganz anderes.
Alles noch unwirklich
An diesem sonnigen Morgen sitzt die heute 32-jährige Ukrainerin im Barenburger Kulturbunker und erzählt auf Russisch von ihrer Flucht, die sie zunächst nach Warschau, dann nach Berlin, Hannover und schließlich nach Emden geführt hat. Seit November ist sie jetzt hier, inzwischen in einer kleinen eigenen Wohnung zu Hause. Im Gespräch, das die Dolmetscherin Helena Walker übersetzt, lächelt Margarita ab und an etwas angestrengt, weil ihr das Erlebte im Nachhinein noch immer so unwirklich vorkommt: der schwere Abschied von den Verwandten, die langen Autoschlangen an den Grenzen, erst zur Slowakei, dann zu Polen. Die vielen Menschen mit den Taschen und Koffern, die alle nur weg wollten aus der Ukraine. Die Polizei, die Soldaten. Oder auch die lange Fahrt mit dem alten Auto durch die Berge und die Hotels, in denen sie völlig erschöpft übernachtete und dafür ihr letztes Geld ausgab.
Bessere Chancen
Für Margarita Tuz stand schon in den ersten Tagen des Krieges fest: Bloß weg hier! Ihre Kinder sollten auf keinen Fall im Krieg aufwachsen. Doch wohin? Zunächst ging es zu ihrer Ex-Schwägerin nach Warschau. Für ein paar Tage wenigstens. Margarita wollte dort ein wenig zur Ruhe kommen, wollte nachdenken nach dem ersten Schock. Doch der Krieg war auch in Polen ein Thema, die Angst, dass Putins Truppen nach der Ukraine Polen angreifen könnten, allgegenwärtig. Deshalb entschied sich Margarita, nach Deutschland zu fahren. Dort, so dachte sie sich, hätten die beiden Kinder wohl die besten Chancen auf eine gute Ausbildung. Das waren ihre Gedanken. Mehr erst einmal nicht. Es gab keinen richtigen Plan.
„Es gibt ein Sprichwort“, sagt Margarita. Wenn man nicht genau weiß wohin, sagt man dazu „mit dem Finger in den Himmel“. So ging es der jungen Mutter auch. Sie wusste nichts von Deutschland, sprach nicht die Sprache, kannte die Städtenamen nicht.
Ans Wasser
In Berlin sei sie zwar sehr gut aufgenommen und versorgt worden, aber sie wollte näher ans Meer. Die achtjährige Tochter und der zehnjährige Sohn haben beide Asthma. Sie stellte sich vor, dass es am Wasser besser sein würde. Also ging es im Auto weiter gen Norden. Von Emden hatte sie noch nie gehört.
Emden ist schön
Margarita Tuz erzählt, dass sie in ihrer Heimat politisch aktiv war, sich um Frauenrechte bemüht hatte, für die Rechte von Müttern. Gearbeitet hat sie zeitweise in einer Bonbon-Fabrik, das Geld reichte für den Unterhalt der kleinen Familie. Was übrig blieb, investierte die junge Mutter in ihr Hobby, das einmal vielleicht auch eine Profession werden könnte; die Musik. Das ist zumindest ein Traum. Während des zweistündigen Gespräches kommt Margarita Tuz immer wieder auf die Musik zurück, bezeichnet sich als Sängerin mit eigenen, selbst geschriebenen Liedern. Im Internet ist sie zu hören, mit einem Lied gegen den Krieg. Auch im Kulturbunker ist sie schon aufgetreten.
Sie habe in ihrem Leben schon einige schwierige Situationen überstanden, sagt die junge Frau im Café des Kulturbunkers, als wollte sie sich selbst Mut zusprechen. Die Kinder gehen inzwischen zur Schule, sind in der Musikschule aktiv und auch schon im Turnverein gewesen. „Sie sind angekommen, glaube ich“, sagt Margarita. Und sie? Da spricht sie wieder von der Musik, von neuen Liedern, die sie schreiben will, von weiteren Auftritten. „Vielleicht treffe ich ja noch Menschen, die mich da unterstützen können.“
