Emden - In welchen Emder Locations können aufstrebende lokale Bands mit ordentlich Power auf den Boxen überhaupt noch auftreten? In welchen Lokalen können sie Erfahrungen vor lautstärke-affinem Publikum sammeln und Fans gewinnen? Lange Zeit war dafür das Jugendzentrum Alte Post (heute: Zentrum für junge Menschen) die erste Adresse. Doch wegen der Dauersanierung liegt der Konzertbetrieb für noch ungewisse Zeit auf Eis. Seither ist speziell für stärker besetzte Punk- und Rockbands die Wohnzimmer-Kneipe Grusy (früher: Café Grusewsky) die einzige Alternative. Doch wie lange es dieses noch geben wird, ist fraglich – denn Corona, Inflation und Sommerloch haben dem Musiklokal hart zugesetzt.
Das Grusy kämpft
„Im Moment hangeln wir uns von Monat zu Monat“, sagt Anna Buß, Vorsitzende des kurz vor dem Lockdown gegründeten Betreiber-Vereins. In einen Verein umgewandelt worden war die Kneipe mit der Idee, mit den – je nach Einkommen frei wählbaren – Mitgliedsbeiträgen die Pacht zu stemmen. „Denn das ist unser größter Posten.“ Gagen für Bands werden in der Regel nicht gezahlt, stattdessen geht der Hut herum. Doch mit den Corona-Schwierigkeiten reduzierten sich Mitglieder und Einnahmen.
Dass es das Grusy überhaupt noch gibt, ist einer Crowdfunding-Hilfsaktion zu verdanken. Dem Spendenaufruf auf der Internet-Plattform Gofundme folgten ausreichend Unterstützer, um die für Indoor-Auftritte unattraktive Sommerzeit zu überbrücken und neuen Schub für den Herbst zu bekommen. Seit Oktober ist die Aktion beendet.
Hangelt sich gerade von Monat zu Monat: die Emder Wohnzimmer-Kneipe Grusy, ehemals Café Grusewsky, an der Neutorstraße. Bild: Gaby Wolf
„Wir hoffen jetzt auf die Winter- und Weihnachtszeit mit Feiern, Veranstaltungen und hoffentlich mehr Besuchern und Mitgliedern“, sagt Buß. „Im Moment reichen die Beiträge nur für die Hälfte der Pacht.“ Ein paar Veranstaltungen sind schon gelaufen, weitere stehen im Kalender – unter anderem die Album-Release-Party der lokalen Postrock-Band MMTH am 17. November.
Für das Ostfriesen-Quartett ist das doppelt wichtig, denn das „Premieren-Konzert“ bedeutet für die Band einen Neuaufbruch. Umso dankbarer ist Bassist Bernd Frikke für die Plattform im Grusy. Ihm fällt jedenfalls in Emden derzeit keine Alternative ein. „Die Alte Post ist seit Corona Dauerbaustelle, für das Café Einstein sind wir deutlich zu laut, Let the Bad Times Roll findet nur einmal im Jahr und draußen statt, und das Jamesons’s Pub ist eher was für Bardenmusik als für ein typisches Rockkonzert.“
Power-Nische im Bourbon
Immerhin einen Silberstreif am Horizont - zumindest für kleiner besetzte Power-Bands - bietet die Heavy-Metal-Kneipe Bourbon am Neuen Markt. „Wobei wir auch für andere Musikrichtungen offen sind“, wie Mitbetreiber Torsten Kroll betont. „Bands, die ein Sprungbrett und Erfahrung sammeln wollen, sind bei uns genau richtig.“ Zwar sei der Platz etwas begrenzt. „Aber eine Vierer-Band passt rein, für den Sänger haben wir zudem eine kleine Bühne mit Zugang auf den Tresen.“ Gespielt werde gegen Freigetränke und eine kleine Mahlzeit. „Schlagzeug und Soundtechnik können wir stellen.“ Am Ende geht der Hut herum.
Offen als Sprungbrett für kleinere Power-Bands: die Musikkneipe Bourbon am Neuen Markt. Bild: Gaby Wolf
Alle zwei, drei Monate sei auf diese Weise eine Band am Start – nicht zwingend (aber auch) aus Emden. Wie am 24. November. Dann tritt die Emderin Madde mit Gitarre und Blues bei der Mittelalter-Nacht auf. Eine Band als Hauptact - gern aus dem Genre Rock und Metal - wird noch gesucht.
Was das Grusy anbelangt, will Anna Buß im Januar schauen, ob ein neuer Rettungsversuch sinnvoll ist. „Im Februar – wenn das Grusy ins siebte Jahr geht – wird dann endgültig entschieden, ob es weitergeht oder nicht.“
Bild aus den aktiven Rockzeiten der Alten Post: Heavy Metal beim Kuhzifest. Bild: Archiv
Alte Post wenig konkret
Wie es wiederum künftig in der Alten Post aussieht, dazu ist von der Stadt Emden derzeit wenig Konkretes zu erfahren. Die Alte Post sei seit über 40 Jahren ein wichtiger Bestandteil der Emder Jugendarbeits- und Kulturszene, hieß es. Daher sei die Renovierung auch darauf ausgelegt, „eine moderne jugendkulturelle Einrichtung zu gestalten, ohne den Charme des Hauses zu verlieren“. Unterschiedliche Formen von kulturellen Veranstaltungen gehörten dazu.
Bands werden dort vorerst aber wohl nicht auftreten können. Zwar ist die Außensanierung laut Stadt so gut wie abgeschlossen, doch die Innensanierung steht erst noch an. Ein Bauantrag sei gestellt.
