Emden - Als Anfang März im Untergeschoss des kleinen Hauses ein Feuer ausbrach und die Feuerwehr in die Straße Pannewarf anrücken musste, war das für die unmittelbare Nachbarschaft der berühmte Tropfen, der das Fass zum Überlaufen brachte. In einem zweiseitigen Schreiben an die Stadt und an die Polizei führten sie wenige Tage später all das auf, was sie schon „seit mehr als 25 Jahren“ als bauliche Schäden an dem Haus ausgemacht, beobachtet oder sogar selbst erlebt haben – und was aus ihrer Sicht nicht zuletzt die Sicherheit der jetzigen Bewohner gefährdet. Das Haus ist seit 2016 von der Stadt als Flüchtlingsunterkunft angemietet. Darf man Flüchtlingen eine solche Unterkunft zumuten, fragen jetzt die Nachbarn.
Von Mäusen und Ratten ist in dem Schreiben an die Behörden die Rede, von Wasser im Keller, von Versackungen im Mauerwerk und vom wiederholten Ausfall von Strom und Wasser.
Auch von einer Gefahr für die unmittelbaren Nachbargebäude wird berichtet. Immer wieder hätten sich die Bewohner des betroffenen Hauses über die Zustände beklagt, sagen die Nachbarn. Auch ehemalige Bewohner, die wegen der Ratten 2016 ausgezogen sind, haben jetzt den Brief an die Behörden unterschrieben. Und nun sollen da Flüchtlinge wohnen müssen?
Hat sich die Stadt da womöglich eine Schrottimmobilie andrehen lassen, in der sie nunmehr seit gut sieben Jahren Flüchtlinge unterbringt – und dafür zahlt? Und das, obwohl die Mängel aus Sicht der Nachbarn doch auch schon bei der Anmietung sichtbar gewesen sein müssten.
Als geeignet eingestuft
Das weist der fürs Soziale verantwortliche Stadtrat Volker Grendel in einem Gespräch mit dieser Redaktion vehement zurück. Die beiden angemieteten Wohnungen seien immer wieder in Augenschein genommen und die Anmietung regelmäßig neu bewertet worden. Nach diesen Kriterien seien die beiden Wohnungen wiederholt als geeignet eingestuft und somit wiederholt an Flüchtlinge vergeben worden. „Der von den Nachbarn ebenfalls kritisierte häufige Wechsel der Mieter hat auch nichts mit den Wohnungen zu tun, sondern ist gewollt“, untermauerte die zuständige Fachbereichsleiterin Kerstin Snakker
Bewohner angesprochen
Ja, es habe einen Schädlingsbefall gegeben, räumte Grendel ein. Auch ein Schädlingsbekämpfer sei schon einmal im Einsatz gewesen. Der habe nicht nur die Tiere verscheucht, sondern auch die Ursache für die Mäuse- und Rattenplage ausgemacht: „Man hat uns gesagt, dass unsachgemäße Lagerung von Lebensmitteln bei offener Tür das Ungeziefer angelockt hat.“ Daraufhin seien die Bewohner auch auf diesen Missstand hingewiesen worden. Die Verwaltung nennt das „Ansprache an die Bewohner“. Nicht alle Kulturen seien eben mit den örtlichen Gegebenheiten vertraut. Von baulichen Mängeln sei dagegen bislang nichts bekannt oder gar auffällig gewesen. Die Ratten sollen aber schon vorher ihr Unwesen getrieben haben, weit vor dem Einzug von Flüchtlingen, sagen die Nachbarn. Deshalb sollen ehemalige Bewohner auch ausgezogen sein, heißt es. Man müsse doch nur hinter die Fußleisten schauen. Die Stadt sagt dazu, dass sie davon nichts wüsste.
Der Brand im Untergeschoss hat nun dazu geführt, dass die Wohnung zunächst einmal von Rauch und Ruß gereinigt werden muss, bevor sie wieder bezugsfertig ist. Die obere Wohnung ist dagegen schon wieder bezogen. Nach der Säuberung sollen auch im Erdgeschoss wieder Flüchtlinge einziehen. „Bei der geplanten Abnahme werden wir sicher auch auf die von den Nachbarn kritisierten Baumängel achten“, so Grendel.
176 Wohnungen
Nach Angaben von Fachdienstleiter Wohnen, Constantin Strauch, werden der Stadt inzwischen deutlich bessere Wohnungen und Häuser für die Unterbringung von Flüchtlingen angeboten als es vielleicht noch während der ersten Flüchtlingswelle 2015/16 der Fall war. Die Goldgräberstimmung unter den Eigentümern sei vorbei, bestätigte Rauch auf Nachfrage. Die Stadt hat derzeit 176 Wohnungen angemietet, alle ausgesucht nach Kriterien wie Größe, Preis, Lage, Ausstattung. „Angemessenheit“ ist dabei das Stichwort. 2015 waren es etwa 130 Wohnungen, vor dem Ukraine-Krieg „unter 70“.
Großer Aufwand
Auch ist die Lage derzeit anders als noch vor acht Jahren. Heute werden Wohnungen für kleine Familien gesucht, damals hauptsächlich für Flüchtlinge, die allein kamen. Aber damals wie heute werden die Wohnungen geprüft: vor der Anmietung und vor jedem Neubezug. Die Stadt tritt dabei als Mieter auf und übergibt die Wohnungen dann an die Bewohner. Die Stadt schließt auch nicht mehr langfristige Verträge ab, sondern immer nur mit dreimonatiger Kündigungsfrist. Denn sie stößt Wohnungen auch wieder ab, wenn sie nicht mehr dem Bedarf entsprechen.
Und im Pannewarf? „Wir werden den Hinweisen der Nachbarn sicherlich nachgehen.“
