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Rockoper über „den Erlöser“ Viel Applaus für „Jesus Christ Superstar“ in der Emder Nordseehalle

Karl-Heinz Janßen
Tüchtig Dynamik vor der Showtreppe: Szene aus der Rockoper „Jesus Christ Superstar“ in der Inszenierung des Landestheaters Detmold.

Tüchtig Dynamik vor der Showtreppe: Szene aus der Rockoper „Jesus Christ Superstar“ in der Inszenierung des Landestheaters Detmold.

Jochen Quast

Emden - Er hieß gar nicht Jesus, sondern Jeschua. Und wenn man ihm und seiner Geschichte Glauben schenkt, dann bekommt man von seinem Vater – Gott – ein Angebot, das man nicht ablehnen sollte: Wow, ein komplett neues, zweites Leben! Davon sind seine Fans auch in der Rockoper „Jesus Christ Superstar“ hellauf begeistert. Die wurde jetzt vom Landestheater Detmold vor 300 Zuschauern in der Emder Nordseehalle aufgeführt.

Legendärer Verrat

Ähnlich wie viele von uns Heutigen haben auch die Hebräer von damals vom normalen ersten Leben weitgehend die Nase voll. Sie feiern ihren Erlöser, sein hinreißendes Angebot und seine erstaunlichen Taten. Nicht so der gute alte Judas. Er glaubt, sein geliebter Chef sei durchgeknallt, hält das Versprechen einer viel besseren, außerirdischen Welt für Mumpitz – und begeht dann mit guten Absichten seinen legendären Verrat.

Inhaltlicher Schwerpunkt ist hier genau dieser Konflikt zwischen Judas und „Jesus“ Jeschua. Selbst die Katholische Kirche ließ das alles

1971 bei der Uraufführung durchgehen und verbot die Aufführungen nicht – im Gegensatz zu den heutigen Orthodoxen in Belarus. Das hier inszenierte, positive Judas-Bild passt zur damaligen, hochrevolutionären Zeit: Alles, was hoch und heilig oder klassisch war, wurde gnadenlos demontiert, sehr zum Vorteil nachfolgender Generationen. Nicht zuletzt all der Unsinn, der damals entstand, ist eine Quelle ewiger Freude – siehe Monty Pythons „Leben des Brian“.

Also, let’s rock, und zwar buchstäblich kreuzweise! Wir hören vor allem Jazz-Rock. Komponist Lloyd-Webber hat da schon ein wenig bei Dave Brubeck geklaut. 7/4 und 5/8-Riffs erfreuen unsere Silbereisen-gequälten Ohren, es spielt hier ja auch ein richtiges Rock-Orchester. Live! Großartig, wie alle Detmolder Beteiligten die enormen Herausforderungen vor Ort meistern.

Enorme Enge

Orchester und Ensemble agieren aus einem Guss, alle Choreographien passen sich elegant der enormen Enge an. Dabei spielt sich alles auf einer mächtigen Treppen-Kulisse ab, die alle Akteure hochsymbolisch dazu zwingt, sich ständig und sehr dynamisch auf und ab zu bewegen. Nicht nur die Tanzenden müssen Schwerarbeit leisten.

Natürlich kann dabei kaum mehr entstehen als eine Art Revue, die aus Platz und Zeitmangel den unvergleichlichen Tiefgang der Story und die Strahlkraft der Figuren nur in Ansätzen zum Ausdruck bringen kann. Schade, denn hier geht es ja schlicht um die Ewigkeit.

Hier aber der flippende Pop, bunte Klamotten und Plateau-Sohlen, schwingende Hüften und – Love, Love, Love. Maria Magdalena will ihren Jesus Jeschua natürlich mal richtig lieben, ihr Love-Song („I don’t know“) ist ein hinreißender Höhepunkt. Gesanglich gewaltig erfreut uns der Bass von Kaiphas, wobei der Chor-Sound insgesamt die beste Qualität hat und beim weltberühmten Titelsong natürlich gewaltig auf den Putz haut

Und die restliche Musik? Lloyd-Webbers Partitur ist bei aller Raffinesse im Detail bei etlichen Nummern insbesondere im zweiten Teil ein ziemlich kitschiges Gebräu. Vor allem die Gesangsparts plumpsen hier in sämtliche melodramatischen Fallgruben der Übertreibung, das würden heutige Musical-Komponisten so niemals mehr machen. Der freche Zeitgeist prägte Form und Ausdruck, wir sind auf dem Gipfel des Rock/Popzeitalters, Herodes ist da dann nur noch ein fieses Schwein samt Go-go-Girls. Die reine Plakat-Sichtweise dominiert, Psychologie und Metaphysik sollen draußen bleiben, was natürlich auch für die Kreuzigung gilt. Ganz ehrlich: Selbst Oberammergau hat diesbezüglich mehr drauf – aber lassen wir das.

Darf man das?

Insgesamt ist die Aufführung sehr anregend, durchaus ergreifend – und dazu angetan, das Original mal wieder gründlich zu lesen. Nicht erschrecken: Für die Oper wurde vieles einfach hinzugedichtet. Darf man das? Eine Frage, die sich wahrscheinlich auch die vielen Schüler im Saal stellen werden, wenn sie über diese Produktion schreiben. So wie der ganze Saal belohnten sie die Detmolder Truppe aber mit viel Beifall für ihre eindrucksvolle Show.