Emden - Wer in Emden den Namen Thyssen hört, denkt unweigerlich an die Nordseewerke. Bis 1945 war das anders. Da kamen den Emdern bei „Thyssen“ keine Schiffe in den Sinn, sondern es lief ihnen das Wasser im Mund zusammen. Grund dafür war die beliebte Schlachterei Thyssen in der Kleinen Faldernstraße 13. Das Haus stand schräg gegenüber dem heutigen „Goldener Adler“, als das Ostufer des Ratsdelfts noch bebaut gewesen war. Eine traumhafte Lage – lag das Haus doch direkt am Wasser.
Beste Lage: Eine heute Unbekannte, Wilhelmine und Reinhard Thyssen mit Tochter Grete. Hinten links das heutige Otto-Huus und die heutige Delfthalle. Bild: Album Peter Schüürmann
Fleischwaren aller Art
In diesem schönen Ambiente stellte Schlachtermeister Reinhard Thyssen (1882-1943) Fleischwaren aller Art her. Eine Institution in Emden. Familie, Haus und Schaufenster hielt der bekannte Emder Fotograf Hermann Mohaupt mit der Kamera fest. Ein Glück, denn es ist das einzig bekannte Foto des historisch bedeutsamen Hauses, das dort schon „ewig“ stand und früher die Kennung „Compagnie 5, Nr. 2“ hatte.
Ein echter Emder
Nicht nur die Immobilie war ein Stück traditionelles Emden, sondern auch Reinhard Thyssen, ein echter Emder durch und durch. Ehrensache, dass er dem Schützencorps angehörte und sogar zweimal (1911 und 1931) Schützenkönig war. Thyssen, dessen Familie das Haus seit 1864 gehörte, hatte aber noch mehr zu erzählen. Als Soldat des Kaisers geriet er nach drei gefochtenen Schlachten bereits 1914 in französische Kriegsgefangenschaft, aus der er erst 1920 heimkehrte. Der Neustart in Emden gelang: 1921 kam Töchterchen Grete zur Welt.
Das einzig bekannte Detailbild der „Delft-Balkons“. Hier wuchs Grete Thyssen auf. Foto: Album Peter Schüürmann.
Krieg holte Familie ein
Gute Jahre folgten, doch der Krieg holte die Familie Thyssen auf schmerzliche Weise wieder ein. Schlachtermeister Thyssen starb während eines Bombenalarms am 16. Dezember 1943 im Stadtgarten-Bunker. Seine Söhne Heinrich und Wilhelm kehrten 1944 nicht von der Ostfront zurück. Auch das Haus in der Faldernstraße 13 fiel dem Krieg zum Opfer. Es wurde am 6. September 1944 von kanadischen Bombern dem Erdboden gleichgemacht. Nach dem Krieg wurde die Häuserzeile nicht wieder aufgebaut. Sie wich dem Fortschritt, dem Autoverkehr. Herzlichen Dank an Enkelsohn Peter Schüürmann für den spannenden Einblick in die Familiengeschichte.
