Emden - Mitten zwischen Larrelt und Wybelsum stehen Kinder ratlos an der Bushaltestelle. Sie schauen sich um und niemand von ihnen weiß genau, wo er sich eigentlich befindet. Das knappe Dutzend Kinder ist verstört, einige machen Faxen und geben sich cool. Ein Zwölfjähriger holt sein Handy raus. Er benutzt es erst seit einigen Wochen. Er tippt: „Mama, ich weiß nicht, wo ich bin ...“
Horrorvorstellung für jede Mutter. Diese ruft sofort zurück. Ihr Sohn wurde aus dem Bus geworfen, erfährt sie. Der Junge fuhr im Anhänger eines der großen Busse mit, die Schulkinder in Emden transportieren. Der Zwölfjährige wartet mit anderen Mitschülern der Oberschule Wybelsum an der Bushaltestelle Logumer Straße. Das ist gerade einmal zwei Stationen von der Schule entfernt.
Derweil piept das Handy der Mutter fast unaufhörlich: Die Eltern-WhatsApp-Gruppe ist schwer aktiv. Alle scheinen von dem Vorfall zu wissen, berichtet die Mutter gegenüber dieser Redaktion. Sie setzt sich ins Auto, um ihren Sohn abzuholen. „Doch ich war zu spät, eine andere Mutter hatte ihn schon eingefangen.“ Treffpunkt war der Busbahnhof. Dort wollte die Mutter den Busfahrer zur Rede stellen, doch dieser sei ihr ausgewichen.
Mit Rausschmiss gedroht
Der Sohn hatte zuvor seiner Mutter das Geschehen aus seiner Sicht geschildert. Im Anhängerbus haben Kinder wohl mehrfach den Halteknopf gedrückt, ausgestiegen ist aber niemand. Man kann sich vorstellen, wie nervend das „Pling Pling“ für den Fahrer sein kann. Er soll angehalten und die Schüler zur Rede gestellt und gedroht haben, dass er sie rausschmeißt, wenn sie sich nicht korrekt verhalten. Bei der nächsten Haltestelle war dann Endstation für die Schüler aus dem Anhänger.
„So etwas geht gar nicht“: Andreas Haeger. Bild: Ute Lipperheide
„So etwas geht gar nicht“, sagt Andreas Haeger. Er, der Vater des Zwölfjährigen, war selbst drei Jahre Busfahrer, allerdings beim Unternehmen Weser-Ems-Bus und nicht bei Reiter’s Busverkehrs GmbH aus Emden. Haeger weiß sofort, was ein Fahrer darf und was nicht. „Kinder einfach aus dem Bus zu werfen und irgendwo abzusetzen, das gehört nicht dazu“, sagt er. Der Fahrer hätte die Fahrscheine einsammeln können, und dann hätten die Eltern diese abholen müssen. So etwas sei möglich.
Getan hat sich wenig
Bei der Schule liefen derweil die Telefone heiß. Der Vorfall beunruhigte und ärgerte viele Eltern. Haeger wandte sich auch an Reiter’s, doch ein wirkliches Gespräch habe es dort nicht gegeben. „Man hat abgewiegelt und alles auf die Kinder geschoben “, berichtet er. Die Polizei schaltete er ebenfalls ein und die Stadt Emden. Getan hat sich bis jetzt so gut wie nichts. Haeger: „Mir liegt einfach daran, dass dieser Fall geklärt wird, dass es zu einer Art Mediation zwischen dem Fahrer, den Kindern und den Eltern kommt. Und der Fahrer sollte sich entschuldigen.“
Reiter’s sieht das ganz anders. Marion Gravemann, Geschäftsführerin des Emder Busunternehmens, nimmt Stellung: Dem Vorfall am 10. Mai seien diverse Vorfälle vorausgegangen. Seit einiger Zeit komme es auf der Strecke Wybelsum-Emden immer wieder zu Problemen mit den Schülern. „Dieses vorrangig im Anhänger des Buszuges“, schreibt sie. Die Schüler verhielten sich oftmals nicht korrekt. Es sei vorgekommen, dass sie an den Haltestangen „toben und turnen, dass die Kameras durch Füße getreten und teilweise verdeckt werden“. Es würden E-Zigaretten geraucht und „permanent“ die Haltestellen-Stopptaste gedrückt.
Auf entsprechende Aufforderungen des Fahrers regierten die Schüler „oft“ nicht. Gravemann: „Insbesondere in den Anhängern ist das Eingreifen des Fahrpersonals schwierig.“ Der Fahrer kann nur teilweise über Kameras das Geschehen im Anhänger überwachen und nur mit einem Rufsystem mit den Passagieren Kontakt aufnehmen. Am 10. Mai hätten die Schüler wiederholt „die Anweisungen des Fahrpersonals über die Sprechanlage“ komplett ignoriert und sich weiterhin störend verhalten, was die Verkehrssicherheit im Bus massiv gefährdet habe.
Gravemann: „Wir haben den Eltern den Vorfall dargestellt und dabei auch die Wichtigkeit der Sicherheit der Schülerinnen und Schüler im Bus hervorgehoben.“ Auch habe man mit den Stadtwerken Emden, als Auftraggeber, überlegt, wie dieses Fehlverhalten in Zukunft vermieden werden könne. Regelmäßige Begleitung von Servicepersonal auf der Strecke zu den Spitzenzeiten ist bereits durchgeführt worden. Auch will Reiter’s mit der Schulleitung und der Schulsozialarbeit enger zusammenarbeiten. Es sei geplant, „die verschiedenen Vorfälle noch einmal aufzuarbeiten und gemeinsam zu überlegen, wie künftig ein derartiges Fehlverhalten der Schüler zur Sicherheit aller Fahrgäste vermieden werden“ könne.
Nicht mehr im Anhänger
Der zwölfjährige Schüler, der sich ausgesetzt im Nirgendwo fühlte, wollte zunächst nicht mehr Bus fahren. Mittlerweile steigt er wieder ein, berichtet seine Mutter. Doch im Anhänger nimmt er nicht mehr Platz. „Da setzt er keinen Fuß mehr rein“, sagt sie.
