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1000 Erinnerungen am Frühstückstisch Als aus der Emder „Henriette Schulte“ die taiwanische „Tai Chung“ wurde

Marten Klose
Jarg von Wackeorde mit einem selbst gebauten Modell der „Henriette Schulte“.

Jarg von Wackeorde mit einem selbst gebauten Modell der „Henriette Schulte“.

Marten Klose

Emden - Wenn die Zeitungslektüre zu einem emotionalen Erlebnis am Frühstückstisch wird, muss die Geschichte sehr bewegend gewesen sein. Bei Jarg von Wackerode aus Port Arthur hat die Serie „Damals in Emden“ über den Mehrzweckfrachter „Henriette Schulte“ solche Freudengefühle ausgelöst. Und das aus gutem Grund: Sein Vater Joachim von Wackerode war Kapitän der „Henriette Schulte“ und erlebte an Bord eine bewegte Zeit. „Mein Vater war es sogar, der das Schiff 1960 an die Taiwaner übergeben hat“, erinnert sich der 86-Jährige. Ein wichtiges Kapitel Emder Seefahrtsgeschichte, war der Mehrzweckfrachter doch das erste Schiff der legendären „Emden-Klasse“ der Nordseewerke und zugleich Flaggschiff der Reederei „Schulte & Bruns“.

Auf der letzten Fahrt der „Henriette Schulte“: Kapitän Joachim von Wackerode auf der Brücke. Bild: privat

Auf der letzten Fahrt der „Henriette Schulte“: Kapitän Joachim von Wackerode auf der Brücke. Bild: privat

Kapitän statt Chirurg

Dass Joachim von Wackerode zum Kapitän dieses besonderen Schiffes auserwählt worden war, ist also durchaus eine Auszeichnung. Dabei sehen die Zeichen des 1907 in Frankreich geborenen und in Rostock aufgewachsenen Mannes zunächst gar nicht nach einer Karriere auf den Weltmeeren aus. „Mein Vater sollte eigentlich Chirurg werden“, berichtet sein Sohn. Doch wie das so ist: Gegen den Willen eines jungen Mannes ist nichts zu machen und so fährt Joachim von Wackerode seit seinem 15. Lebensjahr zur See. „Er gehörte zur letzten Generation von Seemännern, die ihr Handwerk noch auf einem Segelschiff lernten“, weiß Jarg von Wackerode.

Natürlich an Bord: Familienfotos der von Wackerodes. Bild: privat

Natürlich an Bord: Familienfotos der von Wackerodes. Bild: privat

Weltumrundungen

Seit seiner „Moses-Zeit“ auf dem Dreimaster „Landkirchen“ fließt durch Joachim von Wackerodes Adern Seewasser. Weltumrundungen, Stürme, fremde Länder und vor allem ein sagenhafter Aufstieg vom Matrosen zum Kapitän folgen.

Doch er muss auch einen jähen Bruch in seiner Biografie hinnehmen. Während er noch im Zweiten Weltkrieg als Korvettenkapitän Versorgungsschiffe – fünfmal torpediert, einmal beim Werft-Aufenthalt durch Bomben schwer verwundet – nach Afrika befehligt, bleibt ihm nach Kriegsende nichts anderes übrig, als gestandener Kapitän mit fast 40 eine Schreinerlehre anzutreten, um seine in Hamburg lebende Frau mit den beiden Söhnen durchzubringen. „Immerhin legte er seine Gesellenprüfung mit Auszeichnung ab und fertigte meiner Mutter eine komplette Schlafzimmer-Einrichtung“, kann sein Sohn heute darüber schmunzeln. Damals sah das sicher anders aus.

Großer Augenblick: Stapellauf bei den Nordseewerken. Bild: privat

Großer Augenblick: Stapellauf bei den Nordseewerken. Bild: privat

Keine Landratte

Doch Joachim von Wackerode ist nicht als Landratte geschaffen. Als die alliierten Siegermächte wieder Seefahrt zulassen, heuert Kapitän von Wackerode an, bis er nach einigen Zwischenposten schließlich am 28. September 1955 Kapitän der „Henriette Schulte“ wird, die damals bereits zur Flotte der Reederei „Bernhard Schulte“ gehört. Transatlantik-Touren mit Erz und Getreide – von Wackerode erlebt goldene Zeiten auf dem Flaggschiff.

Auf einem dieser Törns darf Jarg von Wackerode seinen Vater sogar begleiten. „Im April 1956 fuhren wir von Amsterdam nach Newport News“, erinnert sich der 86-Jährige. 10 000 Tonnen Kohle werden in den USA in den Bauch der „Henriette Schulte“ geschaufelt. Die Rücktour wird zum Abenteuer: Heck- und Stevenbuchse schlagen leck. Manch einem der Besatzungsmitglieder mag in diesem Moment das Schwesterschiff „Melanie Schulte“ durch den Kopf gehen, das vier Jahre zuvor irgendwo im Atlantik spurlos verschwunden ist.

Doch alles geht gut und Jarg van Wackerode hat nur noch einen Wunsch: Zur See zu fahren. Er beendet seine Lehre und wird dann Rekrut in der frisch gegründeten Bundesmarine.

Überführung in 1960

Sein Vater fährt noch einige Jahre auf der „Henriette Schulte“ und überführt sie sogar im Oktober 1960 ins japanische Yokohama, wo sie an eine taiwanische Reederei geht und fortan als „Tai Chung“ unterwegs ist.

Die deutsche Besatzung tauscht ihr angestammtes Element und fliegt mit ihrem Kapitän über den Nordpol nach Kopenhagen, bis sie schließlich am 13. November 1960 in Hamburg landet. An diesem Montag vor 63 Jahren geht ein Stück Emder Seefahrtsgeschichte zu Ende. Einige Jahre später ist es auch mit der „Tai Chung“ vorbei. Sie läuft auf Grund und ist reif fürs Abwracken.

Tragischerweise geht wenige Jahre nach Abliefern der „Henriette Schulte“ auch Joachim von Wackerodes bewegtes Leben zu Ende. Schwer krebskrank, muss er schweren Herzens während einer Fahrt mit der „Fiepko ten Doornkaat“ das Kommando an seinen 1. Offizier abgeben. Er wird mit dem Flugzeug zurück in die Heimat transportiert, wo er bald darauf stirbt.

All diese Erinnerungen wurden in Jarg von Wackerode wach, als er kürzlich am Frühstückstisch drei vergilbte Schiffsfotos in der Zeitung sah.

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