Emden - Wegen der Lage zum Hafen bot sich Emden für den Bau eines Volkswagenwerkes an, um so die Transportwege nach Übersee optimal gewährleisten zu können. Auf der großen Fläche im Larrelter Polder begannen erste Maßnahmen zur Errichtung des Werkes, das vor 60 Jahren - im Jahr 1964 - auf 400 Hektar Land fertiggestellt wurde. Mit dem Beginn der Produktion, zunächst des Käfers, bekamen damit viele Menschen Arbeit in Ostfriesland.
In den 1870er Jahren hat man den Kaiser-Wilhelm-Polder eingedeicht, um fruchtbares Land zu gewinnen. Zuvor war auf diesem Gebiet lediglich Watt. Rohrleitungen in den Poldern sorgten für die Entwässerung, um nach der Eindeichung das sich stauende Wasser abzuleiten. Während Baggerarbeiten im Hafen hat man anfallenden Schlick auf die Polder gespült, was zur Erhöhung des Landes führte.
Helmut Fischer ist Jahrgang 1949. Der ehemalige Gymnasiallehrer befindet sich mittlerweile im Ruhestand.
Er ist Vorsitzender der „Upstalsboom-Gesellschaft für historische Personenforschung und Bevölkerungsgeschichte in Ostfriesland e.V.“
Gemüseanbau im großen Stil
Viele Emder Bauern lebten damals vom Gemüseanbau. Auch Getreide bauten sie auf den neu gewonnenen Flächen an. Landwirte versorgten die Bevölkerung vor Ort. Außerdem wurden waggonweise Kartoffeln, Kohl und weitere landwirtschaftliche Produkte per Eisenbahn in andere Regionen der Republik transportiert. Große Flächen im Emder Raum standen der Landwirtschaft zur Verfügung. Dort, wo der Emder Stadtteil Constantia entstanden ist, waren früher fruchtbare Felder soweit das Auge reicht. Auch auf der anderen Seite der Larrelter Straße herrschte rege Landwirtschaft. Man sah dort zur Pflanz- und Erntezeit reihenweise arbeitende Bauern auf ihren gepachteten Feldern mit vielen Helfern auf den Äckern. Die meisten in der Landwirtschaft tätigen Personen waren Familien, die in Emden ihre Bauernhöfe besaßen.
Beim Lesen der „Ostfriesenzeitung - Heimatblatt der US-Ostfriesen“: Helmut Fischer. Bild: Iris Hellmich
Landwirte mussten räumen
Bevor erste Baumaßnahmen für das Volkswagenwerk im September 1963 begannen, mussten die Landwirte ihre Felder verlassen. Sie hatten nicht viel Zeit ihre Ernten abzutransportieren, weil sie Druck bekamen, schnell fertig zu werden. Ihre jeweiligen Pachtverträge liefen nur kurz, weil ein Bebauungsplan existierte, der anders ausgelegt war, als dass das Land langfristig landwirtschaftlich genutzt werden sollte. Das Land gehörte dem Staat und war an die Volkswagen GmbH verkauft worden.
In der „Ostfriesenzeitung - Heimatblatt der US-Ostfriesen“, die in Breda (Iowa) gedruckt und an viele hiesige Ostfriesen geschickt wurde, stand am 15. Mai 1949 die folgende kleine Geschichte zum Thema Volkswagen. Früher machte man sich Hoffnungen, bald im Besitz eines Autos zu sein:
„Vor dem Kriege hatte man im Tausendjährigen Reich auch den großen Plan, dass jeder sein eigenes Auto haben solle, einen sogenannten Volkswagen. Er sollte in Massen hergestellt werden. Es fuhren auch schon einige, zu zeigen, was er war und was er konnte. Der Erwerb sollte leicht gemacht werden, jeder konnte anfangen zu sparen, und wenn er genug gespart hatte, dann stand eines Morgens das blitzblanke Auto vor der Tür. Viele tausend sparten und …warteten. Der Krieg kam und nun singen wir:
Es klingt aus fernen Tagen
Ein Wort noch zu uns her:
Das Volk braucht einen Wagen,
das Volk braucht mehr Verkehr.
Das Volk fing an zu sparen,
die Sache hatte Sinn,
denn alle wollten fahren.
Wo fuhr der Wagen hin?
Erst war er nicht zu kaufen,
dann wurde er Soldat,
das Volk, es musste laufen,
den Wagen fuhr der Staat.
Dann hat wie nicht erwartet
Der Staat kapituliert.
Erneut der Wagen startet,
doch diesmal alliiert.“
Plan vor dem Bau des VW–Werks: der Kaiser-Wilhelm-Polder vor der Ansiedlung von Industrie. Bild: Archiv
