Der Bund hat das Erneuerbare Energiegesetz dahingehend ausgeweitet, dass die Energieversorger ab dem nächsten Jahr den Strom von Privathaushalten drosseln dürfen, wenn dem Netz eine Überlastung droht - beispielsweise, wenn zu viele E-Autos gleichzeitig geladen werden. Was kommt da auf Emden zu?
Herr Kielmann, dürfen die Stadtwerke Emden ihren Kunden ab Januar 2024 notfalls den Strom abdrehen, wenn dem Netz durch zu viele Elektro-Ladestationen oder Wärmepumpen eine Überlastung droht?
Gunnar KielmannDie Stadtwerke Emden betreiben ein sicheres Stromnetz mit sehr geringen Ausfallzeiten, die in Deutschland ihresgleichen suchen. Dennoch sind wir gesetzlich verpflichtet, auch netzdienliche Handlungen vorzunehmen, wenn es in anderen Netzgebieten zu Engpässen oder einem Überangebot kommt. Derzeit finden diese steuernden Eingriffe aber eher im Erzeugungsbereich statt, sodass der Kunde davon nichts bemerkt.
Das klingt so als würde es künftig dabei nicht bleiben?
Gunnar KielmannDurch die Elektrifizierung des Wärme- sowie des Verkehrssektors als ganz wesentlicher Pfeiler der Energiewende kommt es zu einem Hochlauf, insbesondere von Wärmepumpen und Elektrofahrzeugen. Dies stellt die Verteilernetze absehbar vor große Herausforderungen. Ladeeinrichtungen für Elektrofahrzeuge, Wärmepumpen und zukünftig auch Batteriespeicher bedeuten teilweise beträchtlich höhere Bezugsleistungen in der Niederspannungsebene, bei denen zudem mit einer deutlich höheren Gleichzeitigkeit als bei gewöhnlichen Verbrauchern zu rechnen ist. Aus diesem Grund ist eine intelligente Ertüchtigung der Verteilernetze unerlässlich, damit es nicht vermehrt zu Stromausfällen wegen Überlastungen örtlicher Leitungen kommt, denn Versorgungssicherheit liegt uns als Stadtwerke Emden am Herzen. Ein Instrument ist die Steuerung durch den Verteilernetzbetreiber, in Emden die Stadtwerke. Die gute Nachricht ist: Elektrofahrzeuge, Wärmepumpen oder Batteriespeicher sind in der Regel steuerbar, ohne beim Kunden einen nennenswerten Komfortverlust zu verursachen.
Die Stadtwerke sind also schon darauf vorbereitet?
Gunnar KielmannAuch wenn wir aufgrund nicht vorhandener Netzengpässe derzeit gar nicht den Bedarf haben zu steuern, bereiten wir uns darauf vor, ab Januar 2024 allen Kunden mit entsprechenden steuerbaren Verbrauchseinrichtungen über 4,2 kW ein Angebot nach § 14a EnWG zu unterbreiten. Mit der Steuerbarkeit seiner großen Verbraucher, wie zum Beispiel der Wallbox zum Laden seines E-Autos, unterstützt der Kunde die Netzstabilität und profitiert zusätzlich von ermäßigten Netzentgelten. Auch bauen wir unserer Netzleittechnik im Niederspannungsbereich aus, damit wir kritische Netzzustände in der Zukunft erkennen, durch gezielte Maßnahmen vermeiden und Informationen für Netzausbauplanung sammeln können.
Sie dürfen dann private Geräte fernsteuern?
Gunnar KielmannJa, wir dürfen steuerbare Verbrauchsgeräte steuern. Derzeit besteht aber in unserem Stromnetz nicht die Notwendigkeit.
Sind die Stadtwerke technisch überhaupt in der Lage, eine Überlastung des Netzes zu messen oder gar vorauszusehen?
Gunnar KielmannIn der Mittelspannung sind wir technisch in der Lage die Überlastung des Netzes zu messen, vorauszusehen und entsprechend gegenzusteuern. In der Niederspannungsebene ertüchtigen wir seit einigen Jahren die Messtechnik im Netz. Eine wesentliche Rolle wird aber der „Zähler“ vor Ort beim Kunden spielen. Zukünftig werden intelligente Messsysteme Teil der Mess- und Steuereinrichtungen sein. Über das Gateway werden Messdaten übertragen und Steuerbefehle für Verbrauchseinrichtungen gesendet. Hier wird in den kommenden Jahren der Rollout zu mehr Qualität im Netz führen.
Oliver Janssen ist 37 Jahre alt, stammt aus der Krummhörn und lebt mit seiner Familie in Hamswehrum.
Der Diplom-Verwaltungsbetriebswirt war zuvor beim Rechnungsprüfungsamt der Stadt Emden beschäftigt und leitet seit dem 1. September den neuen Fachbereich Personalwesen, Gremien- und Öffentlichkeitsarbeit der Gemeinde Krummhörn.
Auf Vorschlag von Bürgermeisterin Hilke Looden wird er am Montag (11. Dezember) in der Ratssitzung zum allgemeinen Vertreter der Bürgermeisterin ernannt.
Der Gesetzgeber hat mit der Änderung des Energiewirtschaftsgesetzes ausdrücklich auf mögliche Überlastungen des Netzes reagiert. Am VW-Standort Emden werden vermutlich sehr viele E-Autos geladen. Kann es hier deshalb eher zu einer Überlastung des Stromnetzes kommen als anderswo?
Gunnar KielmannDerzeit sehen wir keine Überlastung des Emder Stromnetzes durch das vermehrte Laden von Elektroautos. Wir haben schon 2018 unser Netz einem digitalen Stresstest unter Berücksichtigung eines schnellen Hochlaufs von E-Autos in Emden unterzogen und für die Jahre bis 2030 plus keine Engpässe festgestellt. Dennoch beobachten wir die Lage und betrachten örtliche Häufungen bei der Antragstellung von großen Verbrauchseinrichtungen wie Wallboxen und Wärmepumpen.
Können Sie sich in Emden ein derartiges Drosselungsszenario vorstellen? Wie könnte das aussehen? Sitzen dann ganze Straßenzüge im Dunkeln und müssen frieren?
Gunnar KielmannNetzengpässe in Niederspannungsnetzen sind in der Regel nur von sehr kurzer Dauer. Bei steuernden Eingriffen werden auch nur die steuerbaren Verbraucher (> 4,2 kW wie Wallboxen, Wärmepumpen, etc.) berücksichtigt. Es wird hierbei nicht der ganze Anschluss oder ein ganzer Straßenzug abgeschaltet, sondern gezielt die Verbraucher am Anschluss, die beim Kunden keinen nennenswerten Komfortverlust zu verursachen.
Das heißt, der Privatkunde wird kaum etwas merken, wenn die Stromlieferung gedrosselt wird? Allerdings würde es womöglich länger dauern, E-Autos zu laden? Wie ist Ihre Einschätzung?
Gunnar KielmannWie gesagt, es wird beim Kunden kein nennenswerter Komfortverlust zu spüren sein. Wird eine Wallbox von 11 kW auf 5,4 KW gedrosselt, dauert natürlich die Ladung länger. Ich selbst fahre ein Elektroauto und lade dies in der Regel einmal pro Woche an meiner privaten Wallbox. Da über Nacht geladen wird ist es zum Schluss auch ohne Bedeutung, ob die Ladung um 23 Uhr am Abend oder um morgens um 4 Uhr beendet ist. Zudem gibt es strenge Vorgaben für die Netzbetreiber in Bezug auf Leistungsreduzierung und Dauer der Maßnahme.
Die EWE soll im vergangenen Jahr bereits davor gewarnt haben, dass es in einzelnen Bereichen zu Stromausfällen kommen kann, wenn dort zu viel Strom auf einmal verbraucht werden. Hängen Sie da als Stadtwerke automatisch mit drin?
Gunnar KielmannDie EWE-Netz als Flächenversorger hat eine ganz andere Netztopologie und somit kann es Regionen geben, in denen es zu Engpässen kommen kann. In Emden sind wir von akuten Engpässen des EWE-Netzes nur dann betroffen, wenn es die Mittelspannungsebene betrifft, an denen unsere Netzkopplungspunkte hängen. Dennoch können wir zur Netzstabilität in übergeordneten Netzen auch von EWE-Netz (Mittelspannung) oder Avacon (Hochspannung) aufgefordert werden Leistungsreduzierungen vorzunehmen.
Herr Kielmann, ist das alles vielleicht doch nur Theorie? Auf welche technischen Entwicklungen muss das Emder Stromnetz künftig ausgerichtet sein?
Gunnar KielmannEs als reine Theorie abzuwerten ist nicht richtig. Die Energiewende wird eine Sektorenverschiebung von Wärme (Gas) und Mobilität (Benzin/Diesel) mit sich bringen. Wir werden unsere Netze darauf ausrichten. Die Steuerbarkeit von Verbrauchern, also die Digitalisierung ist ein Baustein. Die Dimensionierung von Stromnetzen bei Neubau oder Ertüchtigung ist der andere. Dies Berücksichtigen wir bei unseren Planungen für die Zukunft, denn die Versorgungssicherheit für unsere Kunden ist uns wichtig und unser täglicher Antrieb.
