Emden - „Der Tod lässt sich nicht planen“, weiß Uta Remmers. Sie leitet das Emder Hospiz im Auftrag des Paritätischen Wohlfahrtsverbandes. Sie könnte viele Geschichten erzählen über die „Gäste“ ihres Hauses – „Gäste deswegen, weil sie im Gegensatz zu Patienten nicht mehr geheilt oder behandelt werden können“. Der Begriff Hospiz kommt vom lateinischen Wort „hospitium“ für Herberge und bezeichnet eine Einrichtung, in der unheilbar kranke Menschen in der letzten Phase ihres Lebens begleitet und versorgt werden. Acht Zimmer gruppieren sich in der Einrichtung um einen großzügigen Lichthof, das sogenannte Atrium. „Bei uns ist jeder Gast ein König“, sagt die 54-Jährige. Manchmal sind die Gäste nur Stunden da, manchmal Tage, aber auch Wochen oder gar Monate. „Mit allen erdenklichen Geschichten“, erzählt Uta Remmers. „Ziel ist es, das Leben der Sterbenden bis zum Ende so angenehm wie möglich zu gestalten!“
Uta Remmers (rechts im Bild) leitet das Emder Hospiz und Kathrin Theessen ist die Pflegedienstleiterin der Einrichtung.
Blick in das Hospiz mit dem gemeinsamen Aufenthaltsbereich für die Gäste der Einrichtung.
Holger BloemViele Geschichten
Geschichten wie die von dem jungen Paar, beide Mitte 30, Eltern von einem kleinen Jungen, das vor dem nahen Tod des Partners noch heiraten möchte, aber den Hochzeitstermin so geplant hat, dass der Mann ihn voraussichtlich nicht mehr erleben wird. „Das Paar hatte verkannt, wie ernst es steht“, sagt Pflegedienstleiterin Kathrin Theessen. Also muss der Termin per Nottrauung in Absprache mit dem Emder Standesamt kurzfristig vorgezogen werden. Die Vorbereitungen dauern einen Tag: Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter begleiten die Braut, um Eheringe zu kaufen, die dann sogar noch gespendet werden. Sie alle kleiden sich festlich und überraschen die Brautleute mit deren eigens einstudierten Lieblingslied. „Es war schön, aber auch sehr emotional“, blicken Kathrin Theessen und Uta Remmers zurück. „Wir hatten Sorge, dass der Bräutigam den Tag nicht mehr erleben wird.“ Nur einen Tag nach der Hochzeit verstirbt er tatsächlich und alle sind froh, dass sie die Hochzeitsfeier noch gemeinsam hinbekommen haben.
Dem Tod den Schrecken nehmen
Im Hospiz sind die Mitarbeitenden bemüht, dem Tod so weit wie möglich seinen Schrecken zu nehmen, ihn in die Mitte der Gesellschaft zu holen – mit diesem Anspruch eröffnete im Jahr 1986 das erste Hospiz in Deutschland. Rund 230 stationäre Hospize gibt es heute. Die Emder Einrichtung besteht in diesem Sommer fünf Jahre. Hier wissen sie, dass der Tod häufig tabuisiert wird, mit der Folge, dass viele Menschen Angst vorm Sterben haben. „Über den Tod wird nicht viel geredet. Aber der ist genauso wichtig wie die Geburt, wenn man auf die Welt kommt – und sie wieder verlässt“, betont die 37-Jährige, denn sie weiß aus Erfahrung: Wenn der Tod naht, reagieren viele mit Unverständnis, Hilflosigkeit und Abweisung.
Beistand auf der letzten Reise
Dass es auch anders geht, das beweisen die Hospiz-Einrichtungen, die es beispielsweise auch in Hage und Leer gibt. „Meiner Meinung nach kann sich das nur ändern, wenn wir auch den Tod in unser Leben lassen“, sagt Uta Remmers. Wohl nur so lassen sich im Gespräch ihre Formulierungen wie „Positive Stimmung im Haus“ oder „Freude an der Arbeit“ erklären. So erfährt das Hospiz-Team für seine Arbeit vor allem viel Dankbarkeit. Selbstverständlich seien sie auch traurig, wenn Menschen sie wieder verlassen – und sie weinen auch. „Wir sind ja auch nur Menschen“, betont sie. „Aber wir sind dankbar, den Menschen auf ihrer letzten Reise beistehen zu können.“
