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Unglück der „Melanie Schulte“ Ein Schatten im Leben – auch nach 70 Jahren

Marten Klose
Stolz der Emder: Die „Melanie Schulte“.

Stolz der Emder: Die „Melanie Schulte“.

Herbert Noack

Emden - „Ein Wechselbad der Gefühle – es kam alles wieder hoch.“ Die Nachricht, dass das Wrack der „Melanie Schulte“ möglicherweise gefunden wurde, ist Helga Janssen durch Mark und Bein gegangen. Die 87-Jährige aus Veenhusen verlor bei dem tragischen Schiffsunglück ihren geliebten Bruder. Seit über 70 Jahren quält Helga Janssens Familie die Frage, was mit Wilhelm Lindenbeck in der Nacht des 21. Dezembers 1952 geschehen ist.

Eine Ungewissheit

Vor der Seniorin liegen vergilbte Zeitungsberichte und abgegriffene Fotos. Alles, was sie über die „Melanie Schulte“ finden konnte, hat Helga Janssen sorgfältig gesammelt. Kam das Ende schnell? Wusste die Besatzung, was ihr bevorsteht? Brach das Schiff auseinander? Trieb es orientierungslos im Atlantik? Eine Ungewissheit, die sich ein ganzes Leben wie ein Schatten auf die Familie gelegt hat. Für Helga Janssen besteht kein Zweifel: Sollte tatsächlich die Möglichkeit bestehen, das Wrack auf dem Meeresgrund zu orten und näher zu untersuchen, muss das geschehen. „Für uns würde etwas zu einem Ende kommen“, sagt Helga Janssen in einem intensiven Gespräch mit dieser Zeitung.

Ein Gespräch, in dem Helga Janssen immer wieder um Fassung ringen muss. Daran ändern auch die sieben Jahrzehnte nichts, die das Verschwinden ihres Bruders schon her ist. Gerade mal 21 Jahre wurde er alt. Die Stationen seines kurzen Lebens sind der Seniorin sehr präsent. Aufgewachsen mit fünf Schwestern, war ihr Bruder zu Hause „Hahn im Korb“. Das Leben in Jheringsfehn mit Familie und Freunden, das Engagement bei der Freiwilligen Feuerwehr – Wilhelm Lindenbeck ist ein lebenslustiger und beliebter junger Mann, der sich nach seiner Lehre als Schmied für ein Leben als Seemann entscheidet.

Der Bruder sprang ein

Für seine Ausbildung an der Ingenieur-Schule in Bremen muss er Fahrtzeiten nachweisen, die er auf den Schiffen der renommierten Emder Reederei Schulte & Bruns absolviert. „Er fuhr als Heizer auf der Henriette Schulte“, weiß Helga Janssen noch genau. Dann das scheinbare Glückslos: Auf der „Melanie Schulte“ ist ein Mann ausgefallen und die Reederei traut Wilhelm Lindenbeck zu, die Lücke zu füllen. Noch eine Nacht in Jheringsfehn, dann soll es an Bord der nagelneuen „Melanie Schulte“ gehen. Durchaus eine Ehre, Teil der 35-köpfigen Besatzung zu sein. „Mein Bruder war stolz darauf“, sagt Helga Janssen.

Besichtigung des Schiffs

Die Seniorin ist wahrscheinlich eine der letzten Zeitzeugen, die selbst einen Fuß an Bord der „Melanie Schulte“ gesetzt haben. Was war 1952 geschehen? Wilhelm Lindenbeck hatte über die Nachbarn in Jheringsfehn ausrichten lassen, seine Familie dürfte nach Emden kommen und das Schiff besichtigen. „Natürlich sind wir hingefahren“, sagt Helga Janssen. Sie nimmt damals mit ihren Schwestern den Zug nach Emden und staunt noch heute über den Anblick der „Melanie Schulte“. „Alles war neu, die Maschine glänzte, das Schiff war auf Hochglanz“, blickt sie zurück. Dem Bruder ist der Stolz anzumerken. Vielleicht zwei Stunden dauert der Besuch an Bord. Beim Abschied festes Drücken, vorher werden noch einige Aufnahmen gemacht. Es sollen die letzten Fotos von Wilhelm Lindenbeck sein, die Umarmung ist ein Abschied für immer. Am nächsten Tag wollen auch die Eltern ihrem Sohn noch einen Besuch abstatten. Doch die „Melanie Schulte“ läuft überraschend aus. Was diese entgangene Chance, den Sohn noch ein letztes Mal zu sehen, für Vater und Mutter bedeutet haben muss, darüber mag man gar nicht nachdenken. „Meine Eltern haben furchtbar gelitten“, sagt Helga Janssen dazu.

Gerüchte nach Weihnachten

Bald nach Weihnachten 1952 kursieren im Dorf dann Gerüchte, mit der „Melanie Schulte“ sei etwas passiert. Zwischen altem und neuem Jahr werden aus den Vermutungen dann Fakten. Die „Melanie Schulte“ wird vermisst. Mit jedem Tag, der vergeht, sinkt die Hoffnung. Von der Reederei ist fast nichts zu hören. Kein Brief, kein Anruf. Die Eltern fahren später zur Seeamtsverhandlung nach Hamburg. „Sie berichteten, dass dort eine kühle Atmosphäre herrschte“, ist Helga Janssen noch heute enttäuscht. Danach findet der Untergang der „Melanie Schulte“ zumindest offiziell einen Abschluss.

Wann kommt Gewissheit?

Für die Angehörigen kehrt dagegen keine Ruhe ein. „Meine Gedanken und mittlerweile auch die meiner Kinder gehen oft zurück an meinen Bruder“, sagt die 87-Jährige. Jedes Jahr werden am Geburtstag und am Tag des Verschwindens Blumen auf dem Familiengrab niedergelegt. In den Grabstein hat die Familie den Namen von Wilhelm Lindenbeck eingravieren lassen, auch wenn er dort nicht seine letzte Ruhestätte gefunden hat. Helga Janssen wird bald 88 Jahre alt. Sie hofft immer noch auf Gewissheit, was mit ihrem Bruder geschehen ist.

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