Emden - Eine große Bau-Offensive sieht anders aus: 124 neue Wohnungen, davon 47 Ein- und Zweifamilienhäuser, sind 2022 in Emden geschaffen worden. Das berichtet die Gewerkschaft IG Bauen-Agrar-Umwelt (IG BAU) unter Berufung auf Zahlen des Statistischen Bundesamtes. Als Vergleichswert für 2021 gibt die IG BAU 135 an, im vergangenen Jahr hatte sie allerdings sogar von 160 Wohnungen in 2021 gesprochen. Der Wert für 2022 bedeutet dann einen Rückgang um knapp 23 Prozent. Die Investitionssumme der Bauherren wird mit 14,2 Millionen Euro angegeben.
Dabei ist der Bedarf an Wohnraum groß – vor allem auch, weil junge Familien in der Stadt gehalten werden sollen. Allein die Ausweisung des größten Emder Baugebiets Conrebbersweg-West (800 Wohneinheiten geplant) ist ein Beleg dafür. Das gilt auch für die Pläne auf dem ehemaligen Ültje-Gelände. Dort sollen rund 200 Wohnungen entstehen, davon nach Möglichkeit jeweils zehn Prozent barrierearm und bezahlbar. Die beteiligten Investoren (Gewoba, Selbsthilfe und Beamtenbau) ließen unlängst durchblicken, dass die Sache mit dem sozialen Wohnraum derzeit wenig realistisch ist.
Viel Höherpreisiges
Kritisch beäugt wurde mehrfach, dass in Emden in der jüngeren Vergangenheit vor allem höherpreisige Wohnungen entstanden sind. Im März 2021 meldete sich der damalige Leiter des Tagesaufenthalts der reformierten Kirche, Florian Müller-Goldenstedt, zu Wort. Sein Fazit: „Der Wohnungsmarkt hält für Gutverdienende ein breites Angebot vor und schließt Menschen mit geringem Einkommen aus.“
In diese Kerbe schlägt auch die Gewerkschaft: „Die Wohnungen müssen zur Lohntüte der Menschen passen. Es kommt darauf an, vor allem bezahlbare Wohnungen und Sozialwohnungen zu bauen“, wird die Vorsitzende der IG BAU Nordwest/Niedersachsen, Gabriele Knue, in einer Mitteilung zitiert. Doch die Rahmenbedingungen stimmen wenig optimistisch: hohe Baukosten, hohe Zinsen und letztlich auch hohe Hürden beim Bauen aufgrund staatlicher Auflagen und Vorschriften. Knue: „Das ist ein toxischer Mix für den Wohnungsbau.“ Die Preise für Neubauten seien „aus den Fugen geraten“, und die Mieten kletterten in die Höhe. Dies hatte auch jüngst der Geschäftsführer der städtischen Wohnungsbaugesellschaft Gewoba, Olaf Neumann, ausgeführt. Die Stadt Emden hat inzwischen auf die verschärften Bedingungen auf dem Bausektor reagiert und die Bauvorgaben in Conrebbersweg-West gelockert.
„Massives Aufstocken“
Womöglich ist dies ein Instrument, um vor Ort die gebremste Bauwilligkeit wieder etwas anzukurbeln. Das allein reicht – landes- und bundesweit – aus der Sicht der IG BAU bei weitem nicht. Sie erwartet von den regionalen Bundestagsabgeordneten, dass sie sich für ein „massives Aufstocken der Fördergelder“ stark machen. Das Land Niedersachsen sei in diesem Punkt ebenfalls gefordert. Knue verweist auf zwei von der Gewerkschaft in Auftrag gegebene Wohnungsbaustudien (vom Pestel-Institut/Hannover und vom Bauforschungsinstitut ARGE/Kiel). Knue folgert aus diesen Studien: „Für mehr Sozialwohnungen und für mehr bezahlbare Wohnungen muss der Staat – müssen Bund und Länder – bis 2025 mindestens 72 Milliarden Euro in die Hand nehmen.“ Dabei geht es um 50 Milliarden Soforthilfe, um jährlich 100.000 Sozialwohnungen zu schaffen, und um 22 Milliarden, damit 60.000 bezahlbare Wohnungen gebaut werden können. Außerdem steht ein „Durchforsten von Gesetzen, Verordnungen und Normen“, auf der Wunschliste der Gewerkschaft, um in diesem und „nicht irgendwann im nächsten Jahr“ zu einem „schlankeren Baugesetzbuch“ zu kommen.
