Ostfriesland - Das Wasserschöpfwerk an der Knock bei Emden ist ein gewaltiges Bauwerk, durch das jede Sekunde viele Kubikmeter Wasser in die Nordsee fließen. Deren Fluten werden andersherum von wuchtigen Toren und hohen Deichen daran gehindert, das Hinterland in eine Seenlandschaft zu verwandeln. Ohne diesen technischen Aufwand gäbe es Ostfriesland nicht in der heutigen Form. Das Wasser muss draußen bleiben – aber die Sicht wird sich in der Zukunft etwas ändern, Stichwort Klimaveränderung. Darüber ist man sich einig bei den beiden großen Verbänden, die den Landstrich seit Jahrzehnten trocken halten.
Szenario: große Sturmfluten und Starkregen
Die Lage erscheint gefährlich. Von außen drohen durch den gestiegenen Wasserspiegel der Weltmeere gewaltige Sturmfluten und von oben könnten neue Starkregen das Land überfluten – zwei durch den Klimawandel bedingte Szenarien, die immer bedrohlicher klingen. Als gefährdet sieht Gerd-Udo Heikens, Oberdeichrichter in der Deichacht Krummhörn, das ostfriesische Land aber nicht. „Seit ich das Amt innehabe, bin ich beruhigter denn je“, sagt der Landwirt aus Campen, der 2022 den langjährigen Vorgänger Alwin Brinkmann abgelöst hat. Er habe großes Vertrauen in die Deiche, die aktuell noch einmal erhöht werden, um auf kommende Anforderungen vorbereitet zu sein. „Wir beschäftigen uns schon immer mit Zukunftsszenarien. Wir wissen genau, was auf uns zukommt.“ In den kommenden 50 Jahren steige der Meeresspiegel den Prognosen zufolge um rund 50 Zentimeter, die der Küstenschutz berücksichtigen muss. „Das kriegen wir hin.“
Menschen vorzustellen, die nicht alles besser wissen, aber Vieles besser machen, das ist die Idee des Zukunftsfestivals Growmorrow. Dabei werden Themen wie Energie, Bildung und Ernährung mit Vordenkern, Machern und Pionieren diskutiert. Die Eventreihe der Nordwest Mediengruppe findet am 8. August ab 14 Uhr in Wilhelmshaven in der Pumpwerk, am 15. August ab 10 Uhr in den Weser-Ems-Hallen in Oldenburg und am 22. August im EEZ in Aurich ab 14 Uhr.
Sollte das Eis auf Grönland allerdings schneller schmelzen als prognostiziert, dann würde es schwierig werden. Die Deiche können nicht beliebig wachsen. Im Moment haben sie eine Höhe von maximal 9,9 Metern, aber kommt noch eine Schicht darauf, werden die Bollwerke zu schwer und drohen, im weichen Untergrund zu versinken. „Schmilzt das Grönlandeis, bekommt der Küstenschutz ein Problem“, erklärt Reinhard Behrends, Obersielrichter im 1. Entwässerungsverband Emden, der eng mit der Deichacht zusammenarbeitet.
„Wir wissen genau, was auf uns zukommt“: Oberdeidchrichter Gerd Udo Heikens. Bild: Axel Pries
Land unter dem Niveau des Meeresspiegels
Der Entwässerungsverband ist nicht weniger wichtig in einem Landstrich, der zum Teil unter dem Niveau des Meeresspiegels liegt. Die Aufgabe ist seit Jahrzehnten klar umrissen: Regenwasser muss über Gräben, Kanäle und Siele gesammelt und dann mithilfe von Schöpfwerken zu den Flüssen, aber vor allem zur Nordsee transportiert werden. Die Siele an der Knock und in Greetsiel lassen das gesammelte Regenwasser der Region ins Meer abfließen – rund 250 Millionen Kubikmeter in jedem Jahr. Wenn es geht, befördert die Gravitation das Wasser in die Nordsee, sonst helfen beim Entwässerungsverband Emden sieben gewaltige Pumpen nach: drei in Greetsiel, vier an der Knock. Die Pumpen werden mit dem Steigen des Wasserspiegels wichtiger, weil die Entwässerer registrieren, dass immer weniger Wasser von allein abläuft. Dem Obersielrichter bereitet das Sorgen, denn die Pumpen sind so alt wie das System: von 1969 oder älter. „Mittelfristig müssen die ausgetauscht werden.“ Langfristig müssten auch unbedingt mehr Pumpen hinzukommen. Auch in diesem Bereich hat man die Zukunft im Blick. „Klever Risk“ heißt das Projekt, das sich explizit mit dem Küstenschutz bei verändertem Klima beschäftigt: „Management von Binnenhochwasserrisiken im Küstenraum.“
Schlick- und Moorflächen als Wasserspeicher
„Ich will’s wenigstens einmal erwähnt haben“, leitet Reinhard Behrens zu einer anderen, aufwendig erscheinenden, aber nachhaltigen Methode über, das Wasser im Land zu bändigen und gleichzeitig der Natur Gutes zu tun: durch die flächige Auftragung von Schlick. Ein Drittel des Verbandsgebiets liege unter dem Meeresspiegel. „Wenn wir nur zehn Prozent davon als Lagerungsfläche für Schlick nutzen, könnten wir ein Unterflurschöpfwerk sparen.“ Würde dazu der ohnehin aus Moor gewonnene Untergrund wieder vernässt, hätte Ostfriesland zusätzliche, volumige Wasserreservoirs mit großem Potenzial für die Natur. Was zunächst wie eine Fantasterei klingt, hat ein historisches Vorbild: Auf die Felder bei Riepe pumpte die Stadt Emden in 40 Jahren 100 Millionen Kubikmeter Hafenschlick, der die Landschaft um mehr als einen Meter anhob. Zudem würde der ewige Kreislauf des Schlicks zwischen Acker und Nordsee unterbrochen.
„Wird das Entlassen von Wasser in die Nordsee einmal Luxus sein?“: Obersielrichter Reinhard Behrends. Bild: Axel Pries
„Wird das Entlassen von Wasser mal Luxus sein?“
„Wasser muss raus und draußen bleiben.“ Dieses Jahrhunderte alte Grundgebot zum Erhalt Ostfrieslands könnte mit Blick auf die Folgen des Klimawandels auch noch abgewandelt werden, meint Reinhard Behrends. Die Frage: Sollte Ostfriesland sein nasses Potenzial nicht anders nutzen – zum Beispiel, um in Trockenzeiten Nutzpflanzen anzubauen, die woanders aufgegeben haben? Oder Wasser für andere Regionen bereithalten? Würde das Große Meer ganzjährig 30 Zentimeter höher aufgestaut, ergäbe das zusätzlich 1,5 Millionen Kubikmeter nutzbares Wasser. „Die Frage ist“, sinniert der Entwässerungsexperte: „W
Menschen vorzustellen, die nicht alles besser wissen, aber Vieles besser machen, das ist die Idee des Zukunftsfestivals Growmorrow. Dabei werden Themen wie Energie, Bildung und Ernährung mit Vordenkern, Machern und Pionieren diskutiert. Die Eventreihe der Nordwest Mediengruppe findet am 8. August ab 14 Uhr in Wilhelmshaven in der Pumpwerk, am 15. August ab 10 Uhr in den Weser-Ems-Hallen in Oldenburg und am 22. August im EEZ in Aurich ab 14 Uhr.
ird das Entlassen von Wasser in die Nordsee einmal Luxus sein?“
Letztlich braucht noch ein Wirtschaftszweig der Zukunft viel möglichst sauberes Süßwasser: die Wasserstoffproduktion. Mit wachsender Produktion steigt der Bedarf in die Millionen Kubikmeter. Am Rysumer Nacken gibt es genug Wasser, das nicht entsalzt werden muss, und Reinhard Behrends denkt voraus: „Der Name Entwässerungsverband spiegelt unser Portfolio eigentlich nicht wider. Wir werden zum Wasserbereitstellungsverband.“
