Aurich/Esens - Das Lügengebäude, das offensichtlich um das Tatgeschehen im Fall des angeklagten versuchten Mordes in Esens aufgebaut wurde, bröckelt immer mehr. Die Richter der Schwurgerichtskammer des Landgerichts Aurich greifen je nach Bedarf zum Presslufthammer oder zum feinen Meißel, um den Beton der Falschaussagen aufzubrechen. Wie schon am vorherigen Verhandlungstag hatten sie auch diesmal Erfolg.
Als erstes traf es die Freundin des Angeklagten. Sie sagte, dass es auf der Grundstückauffahrt zwischen den beiden Freunden des späteren Opfers auf der einen und dem Angeklagten und dessen Freund auf der anderen Seite zu einem Gerangel und einer Schubserei gekommen sei. Einer der Fremden habe nach dem Luftgewehr gegriffen. „Er hielt sich das Gewehr an die Brust und sagte: Schieß doch, schieß doch“, so die 23-Jährige. Das Gerangel sei weiter gegangen. „Dabei muss etwas passiert sein, denn der dritte Mann, der weiter weg stand, fiel um.“
Zeugin bricht in Tränen aus
Richter Stefan Büürma griff mit klaren Worten ein. „Ihre Geschichte ist hanebüchen. Von der Version, dass sich der Schuss bei einem Gerangel gelöst haben soll, hat selbst der Angeklagte Abstand genommen. Er hat die Sache hier völlig anders geschildert.“ Es brauchte noch viele Hinweise auf die Wahrheitspflicht, die strafrechtlichen Konsequenzen einer Falschaussage und eine zehnminütige Pause für die Zeugin, ehe sie sich eines Besseren besann. Die beiden Fremden hätten sich bereits in Richtung Straße entfernt, als der Angeklagte in deren Richtung in die Luft geschossen habe, räumte die 23-Jährige ein. „Der ganze Druck hier. Ich habe es verschönert“, gab sie zu. Eine andere Zeugin hatte sogar gesehen, wie der Angeklagte bei dem Schuss, der das Opfer traf, den Abzugshebel mit seinem Finger betätigte.
Die heile Welt der Freundin brach etwas zusammen, als sie nach der Einstellung des Angeklagten zu Drogen gefragt wurde. „Von Drogen hält er gar nichts“, sagte sie. „Es gibt Chatverkehr, in dem der Angeklagte seinen Freund fragt, ob der nicht jemanden kennt, der 500 Gramm Speed abkauft“, hielt ihr der Vorsitzende vor. Die Zeugin brach in Tränen aus.
Schusswaffe ins Benser Tief geworfen
Ein weiterer Zeuge setzte ebenfalls eine Zeit lang seine Glaubwürdigkeit aufs Spiel. Bei der Polizei und gegenüber dem Angeklagten hatte er behauptet, von dem ganzen Geschehen überhaupt nichts gesehen zu haben. Vor Gericht erzählte er dann auch die veraltete Geschichte vom Schuss, der sich beim Gerangel gelöst hat. Auch er gab schließlich zu, dass sich die Fremden bereits auf dem Rückzug befanden, als der Schuss das Opfer traf. Der Holtgaster räumte zudem ein, noch am Tatabend das Luftgewehr gemeinsam mit der Freundin des Angeklagten entsorgt zu haben. „Wir haben die Waffe von einer Brücke ins Benser Tief geworfen. Das war das Dümmste, was ich gemacht habe“, so der 25-Jährige.
Einen dunklen Fleck auf der Weste des Angeklagten hinterließ der nächste Zeuge. Er hatte mit dem Angeklagten rechtsradikalen und fremdenfeindlichen Chatverkehr gepflegt. „Der Angeklagte sagt, Sie wären derjenige, der ihm die bösen Sachen schickt. Er würde das nur mitmachen, um Ihnen gefällig zu sein“, teilte der Vorsitzende dem 29-Jährigen mit. Da war es mit der Loyalität des Zeugen zum Angeklagten vorbei. „Das ist eine glatte Lüge“, entfuhr es dem Holtriemer. Oberstaatsanwältin Isa Gehrke-Lohmann setzte noch eins drauf: „Ich habe den Angeklagten gefragt, warum er nicht Gäste wie Sie zu Hilfe geholt hat. Er meinte, Sie würden sofort Zähne ausschlagen. So viel Gewalt wollte er nicht.“ „Aber auf Leute schießen“, konterte der Zeuge sarkastisch. „So einen Scheiß habe ich noch nie gehört.“ Der Angeklagte habe ihm noch in der Nacht geschrieben, dass er die Munition wegschmeißen solle, legte der Zeuge nach. „Ich wusste gar nicht, wo die ist.“
Richter Büürma gab dem Holtriemer mit Blick auf dessen rechtsradikaler Gesinnung noch einen gut gemeinten Hinweis. „Ich rate Ihnen dringend, mal ein Konzentrationslager zu besuchen und sich damit zu befassen. Sie haben keine Ahnung, worüber Sie schreiben.“
