Esens - Unser Beruf ist ganz schön vielfältig“, sagt Daniela Rehfeld. Worte braucht sie nicht nur im Alltag, auch in ihrem Beruf kommt es auf die Sprache an – die 31-Jährige ist Logopädin. Am 6. März ist der europäische Tag der Logopädie. Wir werfen einen Blick auf den Beruf und schauen, was ein Logopäde leistet.
Daniela Rehfeld arbeitet seit neun Jahren in der Logopädie-Praxis von Liane Hesselnfeld-Jost in der Esenser Butterstraße. Die fünf Logopädinnen und Logopäden im Team sind in der Praxis, in Pflegeeinrichtungen, Kindergärten und Schulen für ihre Patienten da. Eine weitere Praxis-Niederlassung liegt in Emstek.
Unterstützung für Kinder und Erwachsene
„Wir unterstützen Kinder und Erwachsene von zwei bis 99 Jahren“, erklärt Rehfeld, Fachliche Leiterin in der Praxis. Nicht nur das Alter der Menschen sei ganz unterschiedlich, auch die Störungsbilder seien sowohl ursächlich als auch von der Ausprägung her so verschieden wie die Menschen. „Wir behandeln Sprachstörungen bei Kindern wie Wortschatz-, Aussprache- und Grammatikprobleme“, erzählt die 31-Jährige. Das beziehe sich auf alles, was die Sprachentwicklung mit sich bringt.
Wenn ein Kind eine Sprachentwicklungsstörung diagnostiziert bekomme, sei diese nicht die gleiche, die ein anderes Kind habe. „Es lässt sich kein Patient in eine Schublade stecken“, ist Daniela Rehfeld überzeugt. „Ganz wichtig für uns ist es, vor allem auch bei älteren Kindern und Erwachsenen, ganzheitlich zu diagnostizieren.“ Bei manchen Menschen sei körperlich alles in Ordnung, aber mentale Probleme schlagen sich zum Beispiel auf die Stimme nieder. Um dem Menschen langfristig helfen zu können, komme es darauf an, tiefer zu schauen und nicht „nur“ das offensichtliche Problem zu behandeln. Deshalb arbeiten Logopäden eng mit Haus- und Kinderärzten, Zahnärzten, Neurologen, Chirurgen, Psychologen, Physio- sowie Ergotherapeuten zusammen. Mit ärztlichem Rezept werden Patienten an Logopäden weitergeleitet.
„Eltern- und Lehrergespräche sind sehr wichtig“, macht Daniela Rehfeld deutlich. Die Mitarbeit zu Hause und der Austausch über die Entwicklung begünstige den Behandlungserfolg. Nicht nur in der Praxis, auch in integrativen Kindergärten und Förderschulen helfen die Logopäden, um die Kinder in ihrer Sprachentwicklung zu unterstützen. „Manche begleiten wir ein Jahr lang, andere mit Beeinträchtigungen wie Trisomie 21, dem sogenannten ,Down-Syndrom’, ihre ganze Schulzeit und darüber hinaus.“
Besonderheiten in der Corona-Zeit
Das sei in Corona-Zeiten jedoch anders, viele Kinder sowie Erwachsene in Seniorenheimen haben die Logopäden in den vergangenen Monaten nicht sehen können. Im Moment können sie fast keine Einrichtungen besuchen. Die Auswirkungen seien teilweise sehr stark, bedauert die Logopädin bei allem Verständnis für die Regeln. Bei manchen sei gutes Training zu Hause hilfreich, doch Stillstände und Rückschritte seien nur mit viel Mühe aufzuholen. In den Räumen der Praxis seien Therapien weiterhin erlaubt. Die einschränkenden Regelungen machen sich aber im Ablauf bemerkbar. „Wir setzen die Hygienemaßnahmen unter anderem mit Plexiglaswand, Maske und Hände desinfizieren um“, sagt Rehfeld. Mundschutz sei nicht bei allen Therapien möglich. Zwischen dem Logopäden und dem Patienten befindet sich eine Glasscheibe zum Schutz. So können man die Mundbewegungen sehen.
Dass Logopäden vor allem Kindern helfen, ist bekannt. Logopäden fördern Kinder in den Therapiestunden mit lehrreichen Spielen, die Spaß machen, beispielsweise mit Bildkarten mit Bauernhof-Motiven wie Kühen, Hunden und Pferden. Diese Förderung ist spielerisch.
Aber auch Jugendliche und Erwachsene finden Unterstützung. „Wenn die Zunge beim Schlucken an die Zähne drückt, entwickeln sich falsche Schluckmuster, die Zahnfehlstände verursachen können“, sagt Rehfeld. Deshalb empfehlen Zahnärzte einige ältere Kinder und Jugendliche an Logopäden. Diese Schluckmuster könnten sie gut und erfolgreich behandeln, indem sie die Mundmotorik schulen und zum Beispiel ein neues Schluckmuster trainieren. „Mir macht das Therapieren von älteren Kindern und Jugendlichen viel Spaß. Der persönliche Draht ist super – ich kann etwas in ihren Alltag eintauchen“, sagt Daniela Rehfeld. Sie lächelt, wenn sie über ihren Beruf, der gegenseitiges Vertrauen erfordert, spricht.
Erleichterung im Alltag
Für ist es auch sehr bereichernd, wenn sie Erwachsenen den Alltag erleichtern könne. Bei degenerativen Erkrankungen wie Demenz und Parkinson gehe es nicht um eine Verbesserung, sondern um den Erhalt. Darum, die Schwere abzumildern und den Alltag mit der Diagnose zu erleichtern. Auch Menschen, die nach einer Krebsdiagnose und Operation Probleme haben, werden behandelt. Darunter sind Menschen, denen der Kehlkopf entfernt wurde. Sie lernen, mit einer Ersatzstimme zu sprechen.
Die Logopädin interessiert sich für verschiedene Bereiche und setzt wie andere Kollegen Schwerpunkte – wie Gebärden in der Sprachtherapie, Therapie des Dysgrammatismus, Auditive Wahrnehmungs- und Verarbeitungsstörungen, Schluckstörungen bei Jugendlichen, Singstimmtherapie und Stimmtherapie bei Transsexualität. Regelmäßig bilden sich Logopäden fort.
„Wertvoll für die Zusammenarbeit mit den Patienten ist ein harmonisches Team, das sich auch in Teamgesprächen regelmäßig austauscht“, sagt Daniela Rehfeld. So wie es auf die Stimme ankomme, kommt es auch auf die Stimmung an.
„Mein Beruf erfordert viel Fingerspitzengefühl, Empathie und Menschenkenntnis“, sagt die Logopädin. Ganz wichtig seien Einfühlungsvermögen und die Fähigkeit, sich zu reflektieren. Helfe ich der Patientin mit diesem Spiel? Bringt sie die Vorgehensweise weiter oder ist es besser, dass meine Patientin mit meiner Kollegin arbeitet, weil sie besser harmonieren könnten oder diese eine spezifischere Weiterbildung für das Störungsbild hat? All das gilt es zu hinterfragen und Wege zu finden. Spannend ist es für die Logopädin auch, mit Menschen zu arbeiten, die eine andere Muttersprache als Deutsch sprechen wie Kurdisch, Persisch, Arabisch oder Spanisch. Oder Plattdeutsch. Daniela Rehfeld lächelt. „Ostfriesen sind so herrlich entspannt“, sagt sie.
Die Fachliche Leitung der Praxis verlangt von Daniela Rehfeld ein hohes Maß an Organisation ab. „Wir haben viel mit Bürokratie zu tun“, sagt sie. Logopäden schreiben Berichte für Ärzte. Auch die Vor- und Nachbereitung der Therapiestunden erfordere Zeit, die individuelle Erstellung von Material sowie die Absprache mit Krankenkassen. Aber Daniela Rehfeld mag es, den Blick auf alles zu haben. Der Logopädin kommt es auf den Umgang mit Menschen an, auf die individuelle Hilfe. Sie ist glücklich, wenn sie das Strahlen ihrer Patienten sieht und ein kleines Kind ihr ein selbstgemaltes Bild von der Therapiestunde schenkt.
