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Gewerbe Ein halbes Jahrhundert Unternehmensgeschichte: Die Combi-Märkte

Esens - Eine kompakte Einkaufsstätte auf einer für damalige Verhältnisse riesigen Fläche von 1000 Quadratmetern? Die Befürchtung, dass sie sich mit diesem Vorhaben finanziell überhoben haben könnten, bereiteten den vier Esenser Kaufleuten Berthold Lammers, Helmut Bruns, Hinrich Post und Hermann Poppinga schlaflose Nächte. Doch sie sollten nicht enttäuscht werden. Mehr noch: Ohne es zu wissen, legten sie vor 50 Jahren den Grundstein für ein Konzept, das die Bünting-Gruppe Leer übernahm und für den ganzen Norddeutschen Raum weiterentwickelte.

3000 Kunden zum Start

Die Anziehungskraft dieser Neuerung war seinerzeit enorm: 3000 Kunden strömten am 21. November 1971 in den gerade fertiggestellten Combi-Verbrauchermarkt am Herdetor. Der Andrang war zeitweise so groß, dass das Geschäft mehrmals wegen Überfüllung geschlossen werden musste. Unter einem Dach wurden 10 000 Artikel aus den unterschiedlichsten Bereichen präsentiert, sogar Kosmetik, Spielwaren, Elektroartikel, Spirituosen, Obst/Gemüse, Werkzeug und Schuhe von Hinrich Oelrichs befanden sich in zuvor nicht bekannter Kombination im Sortiment, daneben eine Hochwald-Frischfleisch-Abteilung. Für ostfriesische Verhältnisse sensationell erschienen die zwölfeinhalb Meter lange Kühlung für Milchprodukte und zwei überbreite Fünf-Meter-Tiefkühltruhen.

Die vier Protagonisten betrieben kleine, von Großhändler Bünting versorgte A&O-Lebensmittelgeschäfte von 40 bis 100 Quadratmetern Verkaufsfläche. Sie saßen im Herbst 1969 zusammen, um Ideen für eine gemeinsame Weihnachtswerbung zu besprechen. Und da drei Norder Kaufleute in Esens den Boni-Verbrauchermarkt etabliert hatten, reifte der Gedanke, gemeinsam ebenfalls ein größeres Unternehmen zu gründen. Man ließ sich vom Selex-Großhandelsunternehmen Bünting beraten und profitierte davon, dass das Areal der Baustoffhandlung Hinrich Siebels am Herdetor zur Zwangsversteigerung stand.

1970 gründete man eine eigenständige Gesellschaft und erfand angesichts der kombinierten Abteilungen unter einem Dach den Namen. Hermann Poppinga skizzierte die Idee des blau-roten Combi-Logos, das ein Emder Grafikbüro verfeinerte. Eine Finanzgruppe ersteigerte das Grundstück und ließ eine Stahlhalle errichten. Die Firma Bünting übernahm dieses Gebäude als Hauptmieter und schloss einen Untermietvertrag mit den vier Einzelhandels-Kaufleuten Post, Poppinga, Bruns und Lammers. Die Führungsaufgaben in den Abteilungen und der Verwaltung teilte das Quartett dann unter sich auf.

Die vier Firmeninhaber erwarben 1973 im Zuge einer Zwangsversteigerung des ehemals Siebels-Anwesens ebenfalls das stattliche Wohnhaus mit der großen Scheune an der Ecke Herdetor / Hayungshauser Weg, das fortan für Büros und als Lager genutzt wurde.

Hohe Auszeichnung

Die Umsetzung des Combi-Konzepts fand große Anerkennungen: 1974 zeichnete Bundesernährungsminister Josef Ertl die vier erfolgreichen Combi-Markt-Betreiber und ehemaligen A&O-Einzelhandels-Kaufleute Helmut Bruns, Berthold Lammers, Hermann Poppinga und Hinrich Post mit dem „Goldenen Zuckerhut“ aus. Es handelte sich seinerzeit um die höchste Auszeichnung der Lebensmittelwirtschaft, die 1958 von der „Lebensmittelzeitung“ in Frankfurt für hervorragende Betriebe und Persönlichkeiten der Lebensmittelbranche gestiftet worden war – Preisträger waren zuvor namhafte Unternehmen wie Henkell, Maggi, Eckes / Chantré und das VW-Werk.

Im gleichen Jahr führte die Esenser Combi-Leitung die gleitende Arbeitszeit ein, wodurch der Konsument nicht mehr durch das Einräumen der Ware gestört wurde. Und ein neues Kalkulationsschema bei Non-Food brachte Umsatzsteigerungen von 70 Prozent. Erst jetzt begriffen die einstigen A&O-Händler, dass die Gründung der richtige Schritt zur Standort- und eigenen Existenzsicherung war.

Das Sortiment passten die Inhaber in den folgenden Jahren immer wieder zeitgemäß an. Auch in Inseraten wurde die „Einkaufsstätte für die ganze Familie“ zum Begriff. „Hallo Freunde, heut zu Combi“, lautete der Slogan. Für Gesprächsstoff in der Bevölkerung sorgte der Combi-Verbrauchermarkt durch bestimmte Aktionen. So wurden einmal Hunderte von Fußbällen verschenkt oder ein Gratis-Einkauf verlost: Innerhalb einer bestimmten Zeit konnte man so viele Produkte wie möglich ohne Bezahlung in den Einkaufswagen legen.

Combi-Kette wächst

Nach den Erfolgen in Esens suchte Bünting bald nach weiteren Standorten. So wurden bis 1974 Combi-Märkte in Wilhelmshaven, Rhaudermoor, Norden und Bunde eröffnet. Das Marketing vereinheitlichte man bald; in Abstimmung mit den Markt-Inhabern betrieb man fortan eine gemeinsame Sortimentspolitik. Weitere Lebensmittelmärkte folgten in Wittmund, Wiesmoor, Hage, Upgant-Schott, Südbrookmerland, Ostrhauderfehn, Großefehn und Heidmühle.

Bis heute hat sich die Zahl der Märkte unter diesem Namen und unter Poppingas Firmenlogo auf 180 in ganz Niedersachsen und dem nördlichen Nordrhein-Westfalen, von der Nordsee bis ins Münstlerland, erhöht – nach dem Vorbild in der Bärenstadt.

Bis 1987 gingen alle Anteile der ersten Combi-Gesellschaft aus Altersgründen der vier letztlich ausscheidenden Gründer auf Bünting über, so dass Combi eine 100-prozentige Bünting-Gesellschaft wurde. In diesen Jahren schieden die Gründer und Geschäftsführer aus.

Schließlich zeichnete sich ein Trend zu noch größeren Verkaufseinheiten ab, eine Erweiterung am Standort Herde-tor genehmigte die Stadt Esens jedoch nicht. Daher erwarb Bünting eine zuvor landwirtschaftlich genutzte Fläche an der Auricher Straße und ließ einen Combi-Markt der zweiten Generation von 1500 Quadratmetern Gewerbefläche und 150 Parkplätzen errichten.

Hier fanden die Kunden nach dem Umzug im Jahr 1985 – die alte Stahlhalle diente dem Samtgemeinde-Bauhof beim Schützenplatz fortan als Fahrzeughalle – mehr als 20 000 Artikel aus dem Frische- und Lebensmittelbereich sowie Nonfood. Im Kassenzonenbereich siedelten sich ein Florist, die Volksbank Esens (Geldautomat), ein Tabak- und Zeitschriftenshop sowie die Bäckerei Lorenz Victorbur an. Spätere Mieter einer Teilfläche waren Reinigungsannahme, Imbiss, Fotogeschäft („Fotopoint“) und Friseur. Bis 2007 existierte im Außenbereich eine Tankstelle. Scannerkassen nahm Combi 1995 in Betrieb.

Nach Helmut Bruns (bis 1993) und Johann Schoon (1993 bis 2002) fungierte Heiko Rosenboom (2002 bis 2004) als Marktleiter, der 2004 von Dieter de Groot abgelöst wurde. Seit 2019 wirbt man mit dem Slogan „Moin. Frisch. Nebenan.“

In Richtung Zukunft

In einen grundlegenden Umbau mit hochwertiger Marktgestaltung und einer Vergrößerung um 500 Quadratmeter investierte die J. Bünting-Beteiligungs-AG Leer 2014 / 2015. Auf einer Gesamtfläche von 2330 Quadratmetern – inklusive der Shops in der Vorkassenzone sogar 2700 Quadratmetern – wird seither ein Sortiment von 25 000 Artikeln vorgehalten. 2006 führte man die Eigenmarke Küstengold ein, 2010 „Naturwert Bio“. Mehr als 60 Mitarbeiter sind heute im Esenser Supermarkt beschäftigt.

Eine große Offensive startete die Unternehmensgruppe Bünting erst vor zwei Jahren und überholte das Image ihrer Lebensmittelhandelskette Combi mit neuen Absatzkanälen und einem neuen Markenauftritt. Sogleich wollte man die norddeutsche Identität stärker in den Mittelpunkt der Markenkommunikation rücken. Auf der Website combi.de können Kunden seither online einkaufen und sich Lebensmittel nach Hause liefern lassen. Daneben ermöglicht die Combi-App eine Artikelsuche mittels Spracherkennung oder Barcode-Scan.

Detlef Kiesé
Detlef Kiesé Redaktion Wittmund
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