Esens - Wer das Haus von Heinrich Rocker in Esens betritt, kommt aus dem Staunen nicht heraus. Der Flur gleicht einer großen Bibliothek. „Die Bücher musste ich hier unterbringen, weil die Regale in den anderen Räumen für die Schallplatten reserviert sind“, sagt der 70-Jährige und zieht einen Bildband hervor: „50 Jahre Rolling Stones. Edelsteine für die Ewigkeit“. Der Band ist eine Rarität, und die Band war eine der ersten, die aus Heinrich Rocker einen Rock’n’Roller werden ließ.
Allerdings: Der Ursprung der Leidenschaft liegt in Heinrich Rockers früher Jugend. Da hat ihn eine Motorradbraut mit auf die Fahrt genommen: Die „Motorbiene“ von Benny Quick war die Initialzündung: „Hummbaba-baba! Baba-baba! Oohoooh! Motorbiene!“ „Als ich das Lied im Radio gehört hatte, bin ich gleich rüber zum Elektroladen von Udo Wiechers in der Steinstraße. Ich hab mir die Single für vier Mark gekauft, hatte aber noch keinen Plattenspieler.“ 1962 war das. Also jene Zeit, in der es gerade so richtig abging mit der Beat-Musik, den ersten Versuchen der Beatles und Rolling Stones. Heinrich Rocker war gerade zwölf, als er mit der „Motorbiene“ abbog auf die „Route 66“. Jenem Song von Chuck Berry, der stark verknüpft ist mit dem Gefühl von Freiheit und Ungebundenheit.
Überhaupt Chuck Berry: Er komponierte damals die ersten Hits der jungen aufstrebenden Bands. „Für mich ist er bis heute ein Vorbild“, sagt Rocker und zieht einen Sampler aus dem Regal: „Rock and Roll Music – Any old Way you choose it“. Eine 16-CD-Box, eine Gesamtschau mit 396 Einzeltiteln, Gesamtspieldauer 21 Stunden und elf Minuten. „Sollten Sie nach einem anderen Namen für Rock and Roll suchen, so könnten Sie ihn auch Chuck Berry nennen.“ Diesen Satz von John Lennon kann Heinrich Rocker nur unterschreiben.
Erstes Geld in Schallplatten investiert
Der junge Esenser kauft ab 1962 viele Singles, die Sammlung wächst. Den ersten Plattenspieler bekommt er allerdings erst zwei Jahre später, als er das Geld von der Konfirmation in einen „Harting“ investierte. Das Gerät war ausgestattet mit einem Wechsler, der zwölf Vinyl-Singles nacheinander abspielte. Diese Plattenwechsler verhalfen der Vinylplatte mit zum Durchbruch, nicht nur bei Heinrich Rocker.
Der junge Fan ist fortan infiziert von der Musik, seine Welt ist eine Scheibe. Als er sein erstes Geld verdient – Rocker lernt den Beruf des Schriftsetzers – wird vieles davon umgehend in neue Schallplatten investiert. Ab Mitte der 1960er-Jahre hört er oft den Sender Radio Luxemburg. Die wöchentliche Hitparade, moderiert von Frank Elstner oder Camillo Felgen, schickt die besten Songs über den Äther. Als Lehrling kann er bei der Arbeit den amerikanischen Soldatensender AFN-Bremerhaven und Radio Caroline (Piratensender) hören und hat so die neuesten Hits aus erster Hand.Der Jungspund aus Esens erweitert sein Repertoire ständig, lernt immer mehr Musiker und Bands kennen und lieben – The Who, Johnny Cash, Pretty Things, The Kinks, Bee Gees und wie die Topstars aus den 1960er-Jahren alle heißen. Und hört natürlich immer wieder die großen Beatles und die Stones, die damals die Fangemeinde sogar spalten. „Bei mir halten sich beide die Waage“, sagt der Esenser diplomatisch.
In „Peters’ Gaststätten“ in Esens, damals ein beliebter Beatschuppen, erlebt Heinrich Rocker die Auftritte angesagter lokaler Bands wie die Rustlers aus Emden (mit Otto Waalkes), die Black Shadows (Aurich) oder The Odds (Emden), aber auch große Stars wie die Rattles (Ur-Besetzung mit Achim Reichel), Lords, Rivets, zudem deutschsprachige Stars wie Drafi Deutscher oder Manuela.
Eine kurze Zeit spielt Rocker auch selber in einer Band – Bass bei „The Phantoms“. Das ist aber nur eine kurze Karriere: „Wir hatten nur einen kleinen Verstärker und konnten uns nicht so richtig durchsetzen“, sagt er schmunzelnd. Seine Sammlung ist inzwischen ein Schatz, Erinnerung und Beschäftigung zugleich. Und sie ist nicht etwa in einem Zimmer oder gar einem Regal unterzubringen. Rockers Schätze haben sein gesamtes Wohnhaus eingenommen. Man übertreibt nicht, wenn man behauptet, dass die Musik Rockers Leben ist.
Auch Orgelwerke von Bach im Regal
Strenge Genre-Grenzen zieht der Esenser nicht, so besitzt er fast 200 Versionen von „Lili Marleen“; Rocker mag nicht nur Rock, sondern auch Barock – alle Orgelwerke von Bach stehen im Regal. Auch die alten Elvis-Nummern, die Aufnahmen aus den Sun-Studios, die ersten Nummern von Buddy Holly faszinieren ihn. Und die Scheiben drehen sich weiter. Rocker saugt in den Folgejahren alles neugierig auf. Das geht immer weiter, ob mit Santana, Creedence Clearwater Revival, später Bruce Springsteen und viele andere. Zuerst kauft er nur Singles, doch später sind es die Langspielplatten, die immer mehr Platz in der Sammlung einnehmen. Bald sind es an die 1400 Scheiben. Von A wie Abba – bis Z wie Zappa alles dabei. Später richtet er auch viele seiner Reisen nach musikalischen Ereignissen aus, besucht unter anderem Graceland, das frühere Anwesen von Elvis Presley im Süden von Memphis, Tennessee.
Dann macht die Technik einen Quantensprung: Anfang der 1980er-Jahre gibt es in Deutschland die ersten zaghaften Versuche mit der Compact Disc (CD). Heinrich Rocker gehört zu den Pionieren. Der Händler Rohde in Webershausen überlässt ihm ein Abspielgerät und die Test-CD „Aus Licht wird Musik“ (ein Hinweis darauf, dass die Aufnahmen auf den Silberlingen durch einen Laserstrahl in Töne umgewandelt werden). Auf der Test-CD sind Klangbeispiele von Ina Deter, Irene Cara, Louis Armstrong, Barclay James Harvest, Herbert von Karajan und anderen enthalten. Es handelt sich um ein Vorführmuster. Rocker ist von der neuen Technik und vor allem der Klangqualität überzeugt. Die erste CD, die er sich kauft, ist von Reinhard Mey („Die großen Erfolge“). Zuletzt hat er eine Doppel-CD von Long Tall Ernie and The Shakers erworben (alle Single-Hits).
Stück für Stück stellt er seine Sammlung auf CD um – viele Vinylplatten verkauft er; nur ein paar seltene Schätze hält er zurück. Schon bald besitzt er seinen ersten CD-Player (Kosten: 1000 Mark). „Der Sound überzeugt mich bis heute.“ An die 7000 CDs besitzt Rocker heute, darunter viele Raritäten und Sampler. Auch eigene Zusammenstellungen hat er mehrfach gebrannt und liebevoll gestaltet. Sein Fachwissen ist gefragt, so moderierte er schon mit bei der „Oldie-Börse“ von Radio Bremen. „Manchmal haben mich Musikschulen oder Bands angerufen, weil sie einen bestimmten Song suchten“, erinnert sich Rocker. Bei ihm wurden sie fündig.
Heute aber, in der Zeit des Musik-Streamings mit der jederzeitigen Verfügbarkeit der Songs, greifen immer weniger Menschen auf CD oder LP zurück. Nicht so Heinrich Rocker. Mit Streaming-Diensten kann er wenig anfangen, ebenso wenig mit neueren Trends wie Rap oder Hip Hop, Sprechgesang und Drum-Computern. „Für mich muss Musik handgemacht sein“, sagt der 70-Jährige. Andächtig hält er eine alte Scheibe in seinen Händen, schaut Vorder- und Rückseite an. Dann legt er sie auf den Teller. Man hört die Nadel in die Rille fallen. Es rauscht. Dann: „Oooh Motorbiene“.
Um dann noch kurz darauf hinzuweisen: „Ich sammle auch Streichholzschachteln, etwa 25.000 Stück habe ich bereits.“ Aber das ist eine andere Geschichte.
