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Wirtschaft Ostfriesenbutter aus Esens wird zum Begriff

Esens - Die produzierte Rohmilch an einem zentralen Ort zu sammeln und zu verarbeiten sowie die hergestellten Milchprodukte für den einzelnen Landwirt risikoarm zu vertreiben, das ist der Sinn einer Molkereigenossenschaft, die ab Ende des 19. Jahrhunderts ein zukunftsweisendes Modell darstellte, zumal die Hausbuttereien nicht mehr konkurrenzfähig waren.

So taten sich vor genau 125 Jahren auch in Esens Landwirte zusammen, die als Genossen das Recht, aber auch die Pflicht erwarben, ihre Rohmilch an die Molkerei abzuliefern. Im Gegenzug erhielten sie eine Auszahlung, die Vorstand und Aufsichtsrat der Genossenschaft festlegten.

Becker als Initiator

Initiatoren der Molkerei in Esens waren Kaufmann und Bürgermeister Dietrich Becker (1854–1923), Auktionator und Senator Eduard H. Bode und Landwirt Theodor Ehnts aus Großholum. Das Trio bildete denn auch den ersten Vorstand, nachdem die Molkerei Esens eGmuH am 27. Februar 1895 gegründet worden war. Bald hatten sich 37 Genossen eingetragen. Ein Molkereigebäude errichtete man am Leegeweg (später: Bürgermeister-Becker-Straße) an der Ecke zur späteren Molkereistraße. Eine Zehn-PS-Dampfmaschine zur Haltbarmachung der Milch war das technische Herzstück.

Als Betriebsleiter stellte der Vorstand im Juni 1895 den Molkereifachmann Jürgen Boy (1869–1933) aus Schleswig-Holstein ein, der die Verarbeitung der Milch von September 1895 bis Ende 1907 leitete. Fünf mit Pferden bespannte Milchwagen holten das Rohprodukt bei den Vertragsbauern ab. Entlohnt wurde nach Milchmenge und ab der Jahrhundertwende zusätzlich nach Fettgehalt. Die steigende Akzeptanz machte bald eine Betriebserweiterung erforderlich. Im Geschäftsjahr 1899 betrug die Milchanlieferung in Kannen 4,5 Millionen Liter, es gab 167 Genossen.

Nachdem Jürgen Boy am Esenser Bahnhof eine eigene Privatmolkerei „Germania“ gegründet hatte, die durch bessere Milchgeldauszahlungen eine Konkurrenz zur Genossenschaft darstellte, wurde 1908 Johannes Loesing als Betriebsleiter eingestellt. Die Molkerei Esens besaß eine Spitzenstellung unter den ostfriesischen Molkereien – Schweinemast bildete einen offiziellen Nebenbetriebszweig.

Nach schwierigen Zeiten des Ersten Weltkriegs und der Inflation 1923 – die Bauern erhielten im November 23 Milliarden Mark je Fetteinheit ausgezahlt – folgte 1926 die Übernahme der Privatmolkerei Dornum mit einer Erweiterung des Einzugsgebietes. 1929 ließ man die Molkereitechnik elektrifizieren, ein 25-PS-Dieselmotor unterstützte Herstellung von Frischmilch, Butter, Joghurt, Sahne, Käse und Quark. Eine neue Zentrifuge (Separator) folgte 1930. In der NS-Zeit nach 1933 gab es für die Leitung der Genossenschaft starke Einschränkungen der Entscheidungsfreiheit – durch die Organisation des Reichsnährstandes.

Spitzenverarbeitung

Mit 12,7 Millionen Kilogramm Rohmilch konnte die Molkerei 1937/38 einen Höhepunkt in der Milchanlieferung registrieren. Unter Betriebsleiter Arthur Lies, der 1937 Loesing abgelöst hatte, wurde das Molkereigebäude umfangreich umgebaut und die maschinelle Ausrüstung aktualisiert. Eine Zäsur hingegen bedeutete die Zerstörung des Baus beim großen Bombenangriff am 27. September 1943. Aus den Trümmern wurden sieben Tote geborgen, darunter Molkereileiter Arthur Lies.

Der neue Betriebsleiter Ernst Steffen (1901–1977) aus Bakemoor begleitete den Wiederaufbau der Molkerei, die erst ab 1946 wieder produzierte. Nach der Währungsreform 1948 steigerten Steffen, der die ersten Tetra-Packungen einführte, und ab 1957 Nachfolger Heino Sebens die Milchanlieferung von 6,6 auf mehr als 26 Millionen Kilo. Der Fettgehalt der Milch lag im Schnitt zunächst bei 3,2, später um die 3,8 Prozent. Je Kilo zahlte die Genossenschaft 15 Pfennig (1946) bis zu 40 Pfennig (Ende der 1960er-Jahre). Die Molkerei erhielt für ihre Erzeugnisse viele Auszeichnungen. 1950 vertrauten 931 Mitglieder ihrer Genossenschaft; zwei Jahre später sogar 1217, die 4341 Geschäftsanteile hielten.

1954 wurde die Langeooger Verkaufsstelle (Winfried Heyduk / Walter Ruscher) modernisiert und die Zubringerfahrzeuge motorisiert. In den Betriebsstätten Esens und Dornum arbeiteten zusammen 25, bald sogar 35 Personen. 1959 zog die Molkerei-Verwaltung mit Betriebsleiterwohnung von der Stadtvilla Molkereistraße 11 in einen Neubau an der Bürgermeister-Becker-Straße. Die Rahmstation Dornum wurde aus betriebswirtschaftlichen Gründen 1960 geschlossen.

Spezialisierung

Um rationeller arbeiten zu können, gab die Molkerei Esens die Käseherstellung zur Molkerei Tettens und produzierte ab 1965 nur noch Trinkmilcherzeugnisse wie Kakao in sogenannten Perga-Packungen und Deutsche Markenbutter („Butterlocke“) – 1970 beispielsweise 1100 Tonnen, die über den Molkereiverband für Ostfriesland (MVO) bis nach Bremen vermarktet wurden. In einem kleinen Laden an der Molkerei waren Magermilch, Vollmilch, Buttermilch, Sahne, Butter, Käse und Joghurt erhältlich. Und die Milchwagen von Meinhard Becker, Herbert Ralfs und Al-fred Schipper lieferten die Erzeugnisse bis vor die Haustür.

Ab Anfang der 1970er-Jahre zeichneten sich europaweite Schwierigkeiten durch wachsende Produktion über den Selbstversorgungsgrad hinaus ab. Die Milchquotenregelung erschwerte zusätzlich das Geschäft. Gerd Weete, Betriebsleiter ab 1985, lieferte Ideen für eine gute Milchverwertung, um größere Absätze zu erzielen und einen konkurrenzfähigen Milchpreis zahlen zu können. So kämpfte er für eine aus seiner Sicht strukturnotwendige Fusion der ostfriesischen Molkereigenossenschaften nach Vorbild der Ammerland-Milch-Gruppe.

Die unzufriedenen Landwirte, die sich einer Zusammenlegung nicht erwärmen konnten, beschlossen schließlich am 19. Februar 1992 die Auflösung der Molkereigenossenschaft Esens. Sämtliche Liegenschaften wurden verkauft.

Detlef Kiesé
Detlef Kiesé Redaktion Wittmund
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