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INTERVIEW Florian Schroeder tritt an Nordsee-Küste auf

Carsten Reimer

NEUHARLINGERSIEL - Mit 16 wollte er zum Radio – Journalistenlegende Peter Stockinger lehnte ihn ab, erzählt FlorianSchroeder im SWR. Dem Sender, dem er selbst als Moderator angehört. Damals sauer, mittlerweile dankbar für die konstruktive Kritik: Schroeder ist einer der anspruchsvollsten Kabarettisten der Republik.

Herr Schroeder, wir erwischen sie gerade im Urlaub. Wie leicht ist es ihnen gefallen, zu entscheiden, wo es hingehen soll?

Schroeder: 'Urlaub, was ist das?' sage ich als junger Unterhaltungsmaniac. Wenn, dann immer der gleiche Ort. Und wenn nicht, dann einer, der so aussieht, wie die vorigen auch. Bloß keine Experimente in der Freizeit – der Rest des Lebens ist voll davon.

Das Thema Urlaub spielt auch in ihrem Buch 'Hätte hätte Fahrradkette – die Kunst der optimalen Entscheidung' eine Rolle. Hat ein Pärchen, das seit 20 Jahren jeden Sommer am gleichen Ort Urlaub macht, einmal die optimale Entscheidung getroffen oder gar keine, weil es sich der 'Macht der Gewohnheit' ergibt?

Schroeder: Natürlich hat es gewählt. Hier gilt der erste Grundsatz zum Thema: Man kann nicht nicht entscheiden. Auch die Entscheidung für die endlose Wiederholung des Gleichen ist eine Entscheidung, auch wenn sie nicht jedes Mal neu getroffen wird. Kriterien wie die der 'Macht der Gewohnheit' interessieren den Entscheidungsforscher dabei nicht. Es zählt am Ende die Zufriedenheit der Beteiligten.

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?Dass Angela Merkel ihre Entscheidungen mittlerweile mit dem Prädikat alternativlos versieht, ist zur Selbstverständlichkeit geworden. Wie stehen Sie zu diesem Mantra?

Schroeder: Es ist ein Widerspruch in sich, ein Beispiel dafür, wie man als intelligente Politikerin das eigene Niveau mühelos unterbieten kann: Entweder eine Entscheidung ist alternativlos, dann ist es aber keine Entscheidung, sondern eine Notwendigkeit. Wenn ich aber entscheiden kann, ist das erste Kriterium mindestens eine Alternative. Dieses Mantra ist geistiger Dünnpfiff, ein Fall fürs Sprachendlager, der die Luft vernebeln und das Land durch Einschläferung entpolitisieren soll.

Aber eigentlich wäre die Kanzlerin als Naturwissenschaftlerin eher dazu prädestiniert, ein Buch über Entscheidungen zu publizieren: Die Physik liefert klare Ergebnisse. Von der Philosophie, dem Fach also, das Sie studiert haben, kann man das nicht unbedingt behaupten, oder?

Schroeder: Das Großartige und wahrscheinlich auch zeitgemäße an der Philosophie ist, dass sie Antworten aus allen Richtungen andauernd hinterfragt, dass sie nichts für selbstverständlich nimmt und damit zu Antworten – oder vielleicht auch nur neuen Fragen – kommt, die das Leben in unserer Gegenwart zeitgemäßer widerspiegeln als die scheinbar so Sicheren aus den technisch-, naturwissenschaftlichen Richtungen.

Die Hörsäle der deutschen Universitäten sind geradezu ein Pool parodierungswürdiger Gestalten. Inwieweit hat sie ihr Studium dazu inspiriert, Menschen zu parodieren?

Schroeder: In meiner Anfangsphase sehr stark. Ich habe mit meiner Karriere als Komiker in der Zeit des Studiums begonnen und automatisch das thematisiert, was mich umgab. Das waren der Umgang meiner Kommilitonen mit den damaligen Reformen wie Studiengebühren und die Umstellung auf Bachelor und Master. Später entwächst man dem Milieu und damit auch den Themen. Heute spielen diese Figuren von damals keine Rolle mehr, es wäre auch anachronistisch, weil die heutige Uniwelt neue, andere Generationen und neue Menschen hervorbringt, über die ich nicht mehr überzeugend sprechen kann in Ermangelung einer dafür notwendigen Tuchfühlung mit dem entsprechenden Personal.

Durch die mediale Omnipräsenz sind viele Politiker vorsichtiger geworden, was ihre öffentlichen Auftritte anbelangt? Wären ein Günter Oettinger, eine ihrer Paraderollen, und ein Edmund Stoiber unter den heutigen Gesichtspunkten andere Politiker geworden?

Schroeder: Ich würde früher ansetzen. Die Frage ist, ob sie heute trotz ihrer offensichtlichen Schwächen – oder sagen wir Eigenarten – dahin gekommen wären, wo sie heute sind. Oder ob die ganzen Coaches und Beraterparasiten frühzeitig die Reißleine gezogen hätten, weil es sich um untherapierbare Fälle handelte. Das halte ich für wahrscheinlicher. Das sind ja am Ende doch Hochrisikogestalten, die der durchrationalisierte, auf Berechenbarkeit ausgelegte Politbetrieb nur schwer ertragen kann.

Wann 'löschen' sie Figuren, weil der Speicherplatz erschöpft ist?

Schroeder: Ich lösche nicht, ich parke lediglich Figuren, die tot oder wenigstens gesellschaftspolitisch tot sind. Wer weg ist, ist raus. Sonst wird es anachronistisch.

Die Sommerpause der Hauptstadt und ihr Urlaub fallen nicht ganz zusammen. Wie leicht fällt es Ihnen abzuschalten, wenn der Politik-Zirkus nebenbei weitergeht?

Schroeder: Sorry, aber, ich kenne das Wort 'abschalten' nicht, werde es aber gleich nach dem Gespräch googeln, versprochen. Zusammen mit diesem 'Urlaub', von dem Sie vorhin sprachen. Für Leute wie mich ist das Internet die beste Erfindung. Wo auch immer ich bin, ich kriege alles mit. Man mag es verfluchen, für mich ist es ein Segen.

'Entscheidet Euch!'

FlorianSchroeder spielt im Juli in der Region (Beginn jeweils um 20 Uhr):

1. Juli – Kursaal – Neuharlingersiel

2. Juli – Haus der Insel – Langeoog

3. Juli – Haus des Kurgastes – Juist

4. Juli – Kurtheater – Norderney

5. Juli – Kleiner Kursaal – Wangerooge

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