Werdum - Von seinem Büro in Werdum bis in eine andere Welt braucht Torsten Fell nur Sekunden. Er setzt sich eine schwarze Brille auf, drückt ein paar Knöpfe und hat plötzlich das Gefühl, mitten in einer Maschinenfabrik zu stehen. Er blendet die reale Welt aus, um in eine virtuelle einzutauchen. „Ich sehe dann nur das, was mir der Computer anzeigt.“ Und das kann alles sein. Ein Traktor ebenso wie ein Fußballstadion oder eine Landung auf dem Mond. „Ich kann an jeden Ort eintauchen, den mir die Software zur Verfügung stellt“.

Dreieinhalb Jahre ist es her, dass Torsten Fell zum ersten Mal in eine virtuelle Realität (VR) abgetaucht ist. Er trug eine VR-Brille, und ihm war klar: „Das ist die neue Welt. Die Welt der Aus- und Weiterbildung wird nicht mehr sein wie bisher“. Das war sein Aha-Effekt.

Die Bildung ist Fells Welt. Er beschäftigt sich seit mehr als 20 Jahren mit neuen Lernformen. Dazu zählten bisher das elektronische lernen mit Computern und Smartphones. Die virtuelle Realität setzt dem noch einen drauf. Es gehe beim Lernen um Emotionen, ums Erleben und im Wortsinne ums Begreifen. Das sei bei der virtuellen Realität möglich. Wer die Brille trägt, ist fokussiert und wird nicht durch Nebenschauplätze abgelenkt. „Das Lernen darüber ist also sehr effizient“, nennt Torsten Fell Vorteile. Sein Job ist es, diese Vorteile herauszustellen. Von Ostfriesland aus sucht er den Kontakt zu Unternehmen, bringt sie mit Wissenschaftlern und Softwareanbietern an einen Tisch. In Vorträgen und Seminaren stellt er die Technik vor – und stößt mitunter auf Widerstände. „Die Industrie und der Mittelstand tun sich schwer“, klagt Fell. Der Respekt vor der Technik sei zu groß, die Digitalisierung für manche fast ein Unwort. Mit Worten alleine könne man die Menschen auch nicht von der Technik überzeugen. „Die Menschen müssen einmal eine Brille aufsetzen und es selber erleben.“

Einsatzgebiete für die Technik, die immer einfacher und günstiger werde, gebe es zuhauf. Manche liegen fernab von Fragen der Wirtschaftlichkeit. Als Beispiel nennt Torsten Fell den Umgang mit Demenzkranken. Das Kurzzeitgedächtnis lässt bei ihnen nach, länger zurückliegende Ereignisse sind aber sehr präsent. Mit einer VR-Brille könnten sie virtuell in diese vergangenen Zeiten reisen und Orte ihrer Kindheit besuchen. „Das sind sehr spannende Dinge“, betont der Experte. Auch bei der Therapie von Ängsten könnte die virtuelle Realität helfen. Für jemanden, der unter Höhenangst leidet, ist eine Tour auf eine Aussichtsplattform eine Tortur. Fells Idee: Der Patient sollte sich über eine passende VR-Szenerie langsam daran gewöhnen – natürlich nur unter fachlicher Begleitung. „Die Person in der realen Welt von dem Turm runterzuholen, kann schwierig sein. In der virtuellen Welt muss sie nur die Brille absetzen und alles ist vorbei.“

Auf Knopfdruck können Menschen in andere Welten abtauchen – damit ist die Technik ein mächtiges Medium. Und so gibt es neben vielen Chancen auch Risiken. Denen ist sich auch der Werdumer bewusst. Er warnt davor, die Technik zu unterschätzen. Ein falsches, ein unangenehmes Erlebnis in der virtuellen Welt kann fatale Folgen haben. Es kann bei den Teilnehmern Misstrauen, Ängste und Traumata auslösen.

Manchmal melden sich Banken bei Torsten Fell. Sie möchten ihre Mitarbeiter mithilfe einer VR-Brille auf einen realen Banküberfall vorbereiten. In der virtuellen Welt soll ein Überfall simuliert werden. Technisch wäre das kein Problem. Aber die Folgen wären nicht abzusehen. Denn wer die Brille trägt, erlebt und fühlt alles wie in der realen Welt. Das virtuelle Erlebnis wird so durchlebt, als wäre es real. Der Experte rät daher von solchen Szenarien ab. „Dafür wissen wir zu wenig, was der Einsatz auf Dauer mit den Menschen macht.“

Anke Laumann
Anke Laumann Regionalleitung Ostfriesland / Anzeiger für Harlingerland / Jeverland-Bote