Werdum/Holtriem - „Vorhang auf!“ Wer als Theaterspieler die Bühne betritt, verbindet diese Worte mit Aufregung, Spannung und Nervenkitzel. Die Spieler der plattdeutschen Bühnen müssen jedoch seit fast zwei Jahren auf das verbindende Gefühl, gemeinsam das Publikum zu erreichen, warten. Für sie hat sich der Vorhang aufgrund der Corona-Pandemie im März 2020 vorerst geschlossen.
So geht es auch Ingo Flick. Er ist 2. Vorsitzender der Arbeitsgemeinschaft Ostfriesischer Volkstheater und seit vielen Jahren Mitspieler der Spöldeel Werdum. Theater und alles, was damit zu tun hat, ruhen zu lassen, ist für ihn aber keine Option. Denn es gibt schließlich jederzeit etwas zu tun.
Alte und neue Stücke
„Wir haben uns eine neue Beleuchtungsanlage inklusive Befestigung gekauft“, sagt Flick über die Werdumer Gruppe. „Die Lichter strahlen bis zu 16 Farben aus“, freut er sich. Zuvor verfügte die Gruppe lediglich über weißes Licht. „Jetzt geht bei uns die Sonne auf, und es wird Abend“, kündigt Ingo Flick mit einem Schmunzeln an. Auch neue Seitenwände für die Kulisse habe die Gruppe bekommen. Darum hat sich der Vorstand gekümmert. Türen und Fenster könnten nun wie Lego-Elemente zusammengesteckt werden – eine Erleichterung für den Bühnenumbau.
Zum geselligen Miteinander trafen sich die Mitspieler im September. „Wir haben eine Fahrradtour gemacht und konnten ein bisschen schnacken“, erinnert sich Flick mit Freude. Bisher waren allerdings keine weiteren Treffen möglich. Im November wollten sich die Mitspieler treffen, aber aufgrund der angestiegenen Corona-Zahlen hat die Bühne die Bremse gezogen. Dafür hält die Gruppe über Whatsapp Kontakt, „um auch mal Döntjes reinzuschreiben“, wie er sagt.
Die bisherige Spielstätte der Werdumer war 43 Jahre lang der Freesenkroog. Nachdem er vor zwei Jahren schloss, war die Gruppe auf der Suche nach einer neuen Bleibe – und ist fündig geworden. „Diese wird noch bekanntgegeben“, sagt Flick. Da er Mitglied in der Arbeitsgruppe Ostfriesischer Volkstheater ist, kann er auf einen Fundus von Theaterstücken mit unterschiedlicher Akt-Zahl und beispielsweise Komödien zurückgreifen. „Wir wechseln alte und moderne Stücke ab“, sagt Flick. In einem Jahr kommt etwas Neues auf die Bühne, im anderen ist es der Ohnsorg-Klassiker wie „Meister Anecker“. Oder die Spieler sind Bauer, Knecht oder Seemann in einer Nachkriegsgeschichte.
Flick schätzt diese Vielfalt. Er freut sich schon, wenn er mit den Spielern wieder auf der Bühne stehen und dem Publikum aus allen Generationen Lacher bescheren darf.
Große Leidenschaft
Ähnlich geht es auch der Theatergruppe Holtriem. „Wir sind so froh, wenn es wieder losgehen kann“, sagt Mitglied Wilmine Heinks. Die Holtriemer treten in der Aula der David-Fabricius-Ganztagsschule Westerholt auf. Im dortigen Keller ist auch ihr Equipment mit Kostümen und Bühnenbild gelagert. Die Leidenschaft der Spieler ist groß: So fährt Michaela Fleßner etwa jedes Mal von Ihlow nach Westerholt, um mit ihrer Theatergruppe auf der Bühne zu stehen.
Die Aufführungen fallen zwar aus, aber die Kosten für die Ensembles gehen weiter: Das sind etwa Gruppen-Kranken- und Haftpflichtversicherungen. 2020 hatten die Holtriemer Glück, dass sie bis auf eine Aufführungen alle auf die Bühne bringen konnten. 2021 haben sie alles absagen müssen. Eine Saison bedarf schließlich umfassender Planung.
„Wir wählen im Sommer unsere Stücke aus“, sagt Vorsitzende Jutta Lengsfeld. Daraufhin treffen sich die Spieler, um zu schauen, wer in welche Rolle schlüpfen kann. Nach den umfassenden Proben bringen sie die Stücke im Februar und März auf die Bühne. Doch das ist – wie 2021 – ebenfalls 2022 nicht möglich. „Ich höre immer mal von den Leuten ,Wi freit uns up’t anner Jahr’. Darauf hoffen die Theaterspieler auch. „Wir hoffen, dass es im Sommer besser wird.“
Ostfriesische Volkstheater
Die Arbeitsgemeinschaft Ostfriesischer Volkstheater kümmert sich um rund 50 Theatergruppen in Ostfriesland. In diesem Jahr wird die Arbeitsgemeinschaft 40 Jahre alt. Die Mitglieder möchten dazu Gäste einladen. Falls das nicht stattfinden kann, wird die Feier verschoben, sagt der 2. Vorsitzende Ingo Flick. Vorsitzende ist Marina Bohlen.
In den 1960er- und 1970er-Jahren haben sich viele Theatergruppen gegründet, weiß Flick. Die Gruppen treten in Frühjahrs- und Herbstspielzeiten in Aulas, Sälen und Dorfgemeinschaftshäusern auf, andere auf Freilichtbühnen. Für sie heißt es zunächst Warten auf ihr geliebtes Hobby. Die neue Internetseite der Arbeitsgemeinschaft ist zu finden unter:
