OLDENBURG - Würde jemand dem Faustball etwas Böses nachsagen wollen, dann könnte er argumentieren: Das Rückschlagspiel, bei dem am 12. August in Oldenburg ein alter oder neuer Weltmeister gekürt wird, hat früher das Positive herausgekehrt, zählt aber inzwischen das Negative. Bis 1922 wurden nämlich die gelungenen Überschläge über die Leine gezählt, heute aber bestimmen die Fehler das Ergebnis.
Folglich hoch mit 114:101 gewann 1885 beim Deutschen Turnfest in Dresden LLB Frankfurt gegen MTV München. Faustball war damals erstmals Demonstrationswettbewerb. Das deutsche Frauen-Endspiel 1921 endete noch 91:90 für die Hamburger Turnerschaft gegen den TV Krefeld. Hoffentlich wurde immer richtig gezählt. Heute spielen die Männer über drei Gewinnsätze bis jeweils 20 Punkte, die Frauen über zwei.
Gar nicht gezählt wurde in den Anfängen. Schon vor der Zeitrechnung war in Südeuropa, wahrscheinlich in Italien, ein Duell bekannt, bei dem eine Lederkugel mit Armen und Fäusten bewegt wurde. Schriftlich erwähnt wurde um 240 ein Ballonspiel, das auf Faustball hinweist. Im 16. Jahrhundert kam das Spiel bei Adligen als Zeitvertreib regelrecht in Mode. Ein Wettkampfcharakter fehlte aber noch.
Seinen festen Platz in Deutschland verschaffte der engagierte Münchner Turn-lehrer Georg Heinrich Weber ab 1870 dem Faustball. Vor allem Turner spielten es zum Ausgleich und zur Erhöhung der Geschicklichkeit. 1927 waren fast 12 000 Mannschaften im Turnerbund organisiert. Zu bedeutsamen Spielen kamen weit mehr als 10 000 Zuschauer. Das WM-Finale im Jahr 2007 im Oldenburger Marschwegstadion können nur 8500 sehen, weil an drei Seiten Tribünen für eine bessere Sicht aufgestellt werden.
Den internationalen Verband IFA gibt es seit 1960, Weltmeisterschaften in dieser Sportart seit 1968. Von Albanien bis Zypern betreut die IFA 33 nationale Verbände. Über die Hälfte kommt aus Europa. Brasilien, Deutschland, Österreich und die Schweiz bestimmen das Spitzenniveau. Deutschland als Mutterland des leistungsorientierten Faustballs gewann neunmal in Folge den WM-Titel, ehe Brasilien neue Maßstäbe setzte.
Italien als wahrscheinliches Ursprungsland eines faustballähnlichen Spiels muss sich dagegen heute mickrig vorkommen. Nur noch in einem Verein wird das zeitgemäße Spiel gepflegt: beim SSV Bozen. Allerdings entwickelt das Leistungszentrum in Oberitalien dank zielstrebiger Werbung und modernen Managements eine beachtliche Spielkultur.
