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NWZonline.de Nachrichten Kultur Medien

Tina Hassel über Ard-Sommerinterviews: Land macht in Corona-Krise gute Figur

30.06.2020
Frage: Frau Hassel, wie wirkt sich die Coronakrise auf die Sommerinterviews aus?
Hassel: Die ARD-Sommerinterviews werden in einer völlig anderen Atmosphäre ablaufen als sonst. Das fängt schon damit an, dass ich meine Gäste nicht mit Handschlag begrüßen kann, aber wir finden schon eine höfliche Form der Begrüßung. Natürlich achten wir auch auf den gebotenen Abstand, aber da die Interviews im Freien auf der Terrasse des Marie-Elisabeth-Lüders-Hauses stattfinden, ist die Ansteckungsgefahr sowieso geringer. Außerdem sind unsere Gäste angehalten, sich selbst zu schminken, wobei ihnen unsere Maskenbildnerinnen mit Rat und, wenn’s gar nicht anders geht, auch mit einer helfenden Hand zur Seite stehen.
Frage: Die Coronakrise spielt aber sicherlich auch inhaltlich eine Rolle bei den Gesprächen mit den Parteivorsitzenden, oder?
Hassel: Ja, eine große Rolle. Nachdem wir die erste Etappe der Krise gemeistert haben, befinden wir uns jetzt in so einer Art Übergangsphase. Und, dass die Gesellschaft noch immer im Ausnahmezustand ist, wird natürlich ein Thema sein. Aber wir wollen auch nach vorne blicken und unsere Gäste fragen, ob es schon Lehren gibt, die man ziehen kann.
Wir wollen uns auch überlegen, wo man Deutschland neu und anders denken kann, denn zum Status quo vor der Krise will ja eigentlich niemand zurück. Wichtig ist mir dabei vor allem die Frage, wie Politiker mit einer Situation umgehen, für die es kein Drehbuch gibt – so wird zum Beispiel mit ungeheuerlichen Zahlen jongliert, was die Konjunkturpakete betrifft.
Frage: Geht es auch noch um andere Themen?
Hassel: Klar, wir stehen vor einem Superwahljahr. 2021 gibt es sechs Landtagswahlen und die Bundestagswahl – und das in diesem politisch-demokratischen Ausnahmezustand.
Frage: Ist das Thema Bundestagswahl nicht ein bisschen verfrüht? Es stehen ja bei Union und SPD noch gar keine Kanzlerkandidaten fest.
Hassel: Aber genau das ist ein spannender Punkt, über den man in den ARD-Sommerinterviews reden kann. Die Parteien sortieren sich ja mit Blick auf die Bundestagswahl neu, da ist gerade eine Menge Bewegung drin.
Frage: Wie erleben Sie zurzeit die politische Stimmung in Berlin?
Hassel: Zu Beginn der Coronakrise gab es einen großen demokratischen Schulterschluss, da ging es im politischen Berlin allen darum, die Herausforderungen zu bewältigen und Parteiinteressen hintanzustellen. Beim Lockdown sind die Meinungen dann aber wieder auseinandergedriftet, nicht nur zwischen Bund und Ländern. Es gibt ja auch in der Bevölkerung viele Stimmen, die sagen, dass die Maßnahmen übertrieben wurden.
Man erkennt jetzt wieder die Unterschiede, auch zwischen Regierung und Opposition, und das finde ich gut. Es wird kontroverser und auch härter diskutiert, doch das bewegt sich in einem demokratisch-zivilen Rahmen. Ich denke, unser Land gibt in der Coronakrise eine gute Figur ab, im Ausland wird das ja auch überwiegend so gesehen.
Frage: Sie sind als Leiterin des ARD-Hauptstadtstudios immer auf Ballhöhe der aktuellen politischen Diskussion. Müssen Sie sich denn auf die Sommerinterviews überhaupt noch vorbereiten?
Hassel: Ich bereite mich immer sehr gründlich vor und lese sehr viel, das gehört einfach zu meiner Persönlichkeit. Dabei spielt die normale politische Wochenkarte aber eine eher untergeordnete Rolle. Ich frage mich lieber, was unser Publikum interessieren könnte, welche Fragen die Menschen den Politikern stellen würden. Das sind manchmal Aspekte, die in Interviews von Journalisten gar nicht so häufig zur Sprache kommen.
Frage: Wann merken Sie denn, ob ein Interview gut oder schlecht läuft?
Hassel: Ziemlich schnell. Sie merken sofort, ob ein Gesprächspartner sich wohl fühlt und ob er bereit ist, Antworten zu geben, wirklich was zu sagen. Ich fungiere bei den Sommerinterviews auch als Gastgeberin: Es kommt immer darauf an, dass der Gast reinkommt, sich hinsetzt und Lust hat zu reden. Das ist auch eine Frage der Betriebstemperatur.
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