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NWZonline.de Nachrichten Kultur Medien

Ausbruch gelingt nur in die Kunst

12.06.2015

Göttingen Filigrane Figuren, Landschaften, Tiere, religiöse Symbole: Die Wände der etwa zehn Quadratmeter großen Psychiatrie-Zelle sind übersät mit Abbildungen, die an Höhlenmalereien erinnern. Gemalt hat sie in den 1950er Jahren der Patient Julius Klingebiel (1904–1965).

Seine Zelle im sogenannten „Festen Haus“ in Göttingen gibt es bis heute, sie gilt unter Experten längst als außergewöhnliches Raumkunstwerk. Jetzt hat der NDR die Geschichte des an Schizophrenie leidenden Klingebiel verfilmt. Das Doku-Drama „Ausbruch in die Kunst – Die Zelle des Julius Klingebiel“ wird an diesem Sonntag (14. Juni) um 11.30 Uhr ausgestrahlt.

Zu Beginn des Zweiten Weltkriegs 1939 arbeitet der gelernte Schlosser Klingebiel für die Wehrmacht. Nach einem Wutausbruch wird er in die Nervenklinik Langenhagen bei Hannover gebracht. Ärzte diagnostizieren Schizophrenie und zwangssterilisieren ihn. Sein Leiden gilt als unheilbar. Nur knapp entkommt Klingebiel dem Euthanasie-Programm der Nationalsozialisten. Er wird schließlich in der damaligen „Göttinger Verwahranstalt“ in eine Einzelzelle gesperrt. Dort verbringt er 25 Jahre bis zu seinem Tod.

Irgendwann beginnt Klingebiel, die Wände zu bemalen. Mit Zahnpasta, Milch oder Spucke habe Klingebiel Farben angerührt, sagt der ehemalige Pfleger Günther Dohrmann in dem 45-minütigen Film. „Der konnte das.“ Oft habe er seinem Patienten auch Kohle oder abgebrannte Streichhölzer gebracht.

Mit der Zeit werden die Wände voller, teilweise übermalt Klingebiel die Bilder wieder. Nur die Tür, das Fenster, den Waschtisch und einen schmalen Streifen unter der Decke spart er aus. Um Details seiner Bilder und Dekorationen hervorzuheben und glänzen zu lassen, benutzt er Karton, Papiere und Stanniolpapier aus Zigarettenpackungen.

Die nachgestellten Szenen mit Klingebiel, dargestellt von Peter Sikorski, wurden teils am Originalschauplatz gedreht. Die Zelle liegt in einem bis zu diesem Jahr vom Maßregelvollzug genutzten Hochsicherheitstrakt. Nur nachts habe das Filmteam arbeiten können, wenn die anderen 35 psychisch kranken Straftäter in ihren Zellen waren, sagte NDR-Autorin Antje Schmidt.

Neben historischen Aufnahmen werden auch Interviews mit Experten der Psychiatrie-Kunst gezeigt, der sogenannten „Outsider-Art“. So erläutert der Kunstprofessor Siegfried Neuenhausen die Bedeutung der Kunst psychisch kranker Menschen.

Der Psychiatrie-Professor Andreas Spengler zeichnet Klingebiels Leben anhand der Krankenakten nach und gibt Einblick in den damaligen, teils grausamen Alltag. Über den Verbleib der Zelle nach der bevorstehenden Schließung des „Festen Hauses“ gibt es Streit. Die Stadt Göttingen will die Zelle erhalten und aus dem Haus ein Museum machen. Allerdings hat auch das Sprengel-Museum in Hannover Interesse bekundet. Eine Entscheidung kann nur das Land fällen.

Autorin Schmidt zufolge ist Klingebiel in der Enge zu einem großen Künstler geworden. Bis zu seinem Tod 1965 war er ohne richterlichen Beschluss eingesperrt. „Er war vergessen worden in seiner Einzelzelle.“

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