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NWZonline.de Nachrichten Kultur Medien

Politik: Eine viel zu ernste Sache für die Männer

06.05.2020

Barßel /Oldenburg Der Film war gut geworden, das Buch auch, für Torsten Körner standen alle Zeichen auf Erfolg.

Zur Filmpremiere in Berlin hatte sich oberste Politprominenz angekündigt, „Tagesschau“, „Heute“, alle würden berichten. Die Buchpremiere wollte TV-Talkerin Anne Will moderieren, die Zeitungen druckten vorab erste Besprechungen, allesamt positiv. Täglich trudelten neue Lesungstermine und Interviewanfragen im Hause Körner ein.

Dann kam Corona.

Die Buchmesse fiel aus, die Lesungen wurden abgesagt, die Interviewtermine, die Premieren. Die Kinos bleiben bis auf Weiteres geschlossen, ebenso die Buchhandlungen. Und die Medien kennen nur noch ein Thema: Corona.

„Das ist schon bitter“, sagt Körner: „Sachen, auf die ich vier, fünf Jahre lang hingearbeitet habe, fallen einfach durchs Rost.“ Es ist bitter für ihn als freien Autor, dem plötzlich ein Großteil seiner Einnahmen wegbricht. Es ist aber bitter auch für sein Thema: Frauen in der Politik. „Das hätte es echt verdient gehabt“, findet er.

Die besseren Geschichten

Torsten Körner, 54 Jahre alt, geboren in Oldenburg, aufgewachsen in Barßel (Landkreis Cloppenburg), wohnhaft in Berlin, ist Schriftsteller, Journalist und seit einigen Jahren auch Filmemacher. Seine Bücher handelten bislang zumeist von Männern, Körner schrieb über Heinz Rühmann, Götz George, Franz Beckenbauer. Zuletzt schrieb er über Willy Brandt, genauer: über „Die Familie Willy Brandt“, und dabei fiel ihm etwas auf: Die Frauen der Bonner Republik, die er für seine Brandt-Sicht interviewte, hatten oft bessere Geschichten zu erzählen als die Männer. Sie waren die schärferen Beobachterinnen, „sie hatten ein gutes Auge für Machtprozesse, wie Macht verändert“.

In seinem Brandt-Buch passierte den Frauen allerdings das, was sie aus der Politik kannten: Sie mussten die große Bühne den Männern überlassen, den politischen Alphatieren. Körner musste auf viele Frauen-Geschichten verzichten, vergessen hat er sie aber nicht: In einem eigenen Projekt wollte er die Männerrepublik durch die Frauenperspektive betrachten.

Vorher machte er aber einen Film, „Die Unerwartete“, im Mittelpunkt stand eine Politikerin: Angela Merkel, die erste Bundeskanzlerin Deutschlands. „Hochspannend“ fand er sie, sagte er nach seinem Interview mit ihr. Und, ja, „sympathisch“. Körner kam den Frauen näher.

Damals, als Körner Kind war im konservativ-katholischen Südoldenburg, machten Männer Politik. Aber auf dem Barßeler Esch, gegenüber von Körners, gab es diese Nachbarin, sie engagierte sich als Kommunalpolitikerin in der CDU. „Das fand ich komisch“, erinnert sich Körner, „das war ungewöhnlich. Erstens fand ich die CDU sowieso immer unheimlich. Zweitens passte eine Frau, die Politik macht, nichts ins Rollenbild.“ Gern würde er die Nachbarin heute fragen: Was hat dich dazu bewogen? Er kam nie dazu, die Frau starb viel zu früh.

Was bewegt Frauen, in die Politik zu gehen? „In der Männer-Republik“, wie Körners Buch heißt? Wo sie Sexismus ausgesetzt waren? (Körner nennt Beispiele und Namen.) Wo sie zumeist nur als „Sarghüpfer“ Karriere machen konnten? (Frauen rückten von ihren chancenlosen Listenplätzen erst dann ins Parlament, wenn ein Mann starb.) Wo sie buchstäblich aus dem Bild gedrängt wurden? (Körner fand Hunderte Filmaufnahmen des ersten Medienkanzlers der Bundesrepublik, Konrad Adenauer, aber kaum welche mit Frauen.)

Seit 1949, so hat es „Zeit online“ 2018 ausgerechnet, gab es in der Bundesrepublik 692 beamtete Staatssekretäre. Nur 19 davon waren Frauen. 24 hießen mit Vornamen Hans. Es gab mehr Staatssekretäre namens Hans als Frauen.

Am Anfang seines Filmes mit dem Titel „Die Unbeugsamen“ tritt Marie-Elisabeth Lüders ins Bonner Bild, Jahrgang 1878, FDP-Abgeordnete, sie war gerade 80 geworden. Eine Reporterin fragt sie, wie es um ihr großes Anliegen stehe, die Gleichberechtigung von Mann und Frau, und ob es weiter Frauen als Vermittlerinnen brauche in der Politik.

Lüders streckt sich: „Ich bin der Meinung, dass es in der Politik ohne die Vermittlung der Frau überhaupt nicht geht, weil die Männer eine starke Neigung haben, sich zu zanken, und die Frauen eine ebenso starke Neigung haben, sich zu versöhnen.“

Lauter Schwarzröcke

Der Film zeigt Schwarzweißbilder: Herbert von Karajan dirigiert Dvorak, Männer in Schwarz geigen, spielen Horn. Männer reden im Bundestag, Männer stellen sich zum Gruppenfoto auf, Männer fotografieren Männer, Männer interviewen Männer.

In Körners Buch sagt Käte Strobel, Jahrgang 1907, SPD-Ministerin: „Politik ist eine viel zu ernste Sache, um sie alleine den Männern zu überlassen.“

Körner lässt nun alleine die Frauen sprechen. Im Film gerät das oft emotionaler, im Buch analytischer. Wollte er den Frauen, die aus den Bildern der Bonner Republik gedrängt wurden, Denkmale setzen? „Ich wollte Denk-Male errichten“, sagt Körner: „Denk’ mal nach! Erinnere dich!“

Ein Mann schreibt über Frauen. Anfangs, sagt Körner, habe er Angst vor dem Vorwurf des „Mansplaining“ gehabt: Ein Mann erklärt einmal mehr Frauen die Welt, weil er ja sowieso alles besser weiß. Dann kamen die ersten Rezensionen, geschrieben von Frauen, sie lobten ihn.

Das liegt natürlich an Körner. Er ist ein guter Zuhörer, er ist ein angenehmer Erzähler. Auch wenn man seinem Buch die Vorsicht anmerkt; er selbst sagt, er habe es „mit tastendem Stift“ geschrieben.

Um so mehr schieben sich die Frauen an ihm vorbei ins Bild. Lenelotte von Bothmer (SPD), die 1970 im Hosenanzug zur Rede im Bundestag antritt, weil es der Bundestagspräsident verboten hatte. Die Frauengruppe um Helene Weber (CDU), die 1961 stundenlang im Palais Schaumburg auf Adenauer wartet, um ihm eine erste Ministerin abzuringen. Waltraut Schoppe (Grüne), die 1983 im Parlament über Sexismus spricht, vor grölenden, lachenden, unflätigen Männern. „Ich sehe, ich habe das Richtige gesagt“, bemerkt sie süffisant.

„Nur Schwarzröcke“, sagt Renate Hellwig (CDU), wenn sie in den Bonner Vitrinen die Bilder von damals sieht; sie meint die Männer in ihren dunklen Anzügen.

Christa Nickels (Grüne) sagt: „Wenn die Wahl gewesen wäre zwischen der besten Frau von allen in den Siebzigern und einem dummen August, dann wäre der dumme August Kanzler geworden.“

Der Film zeigt Farbbilder: Mirga Grazinytte-Tyla dirigiert voller Leidenschaft Beethoven, im Orchester lockern Frauenkleider das Orchesterschwarz auf.

Im März 2020 spricht im deutschen Fernsehen Angela Merkel (CDU), die deutsche Kanzlerin, es geht um Corona. Torsten Körner schaut zu. Er, der die CDU immer unheimlich fand, sagt: „Wir können uns glücklich schätzen, dass diese Frau, dass eine Frau die politischen Geschäfte führt.“

Karsten Krogmann Redakteur / Reportage-Redaktion
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