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NWZonline.de Nachrichten Kultur Medien

Mit gestohlenem Pass über die Grenze

30.09.2019

Berlin Wenn Michael Schneider heute das Summen hört, mit dem die Tür am Grenzübergang zwischen Ost- und West-Berlin aufging, wühlt ihn das sehr auf. „Das bedeutet für mich Freiheit“, sagt er. Als jungem Mann ist ihm auf unglaubliche Weise die Flucht aus der DDR geglückt: mit dem Pass eines dänischen Touristen. Mit zitternden Knien schafft es Michael Schneider an den Grenzern an der Friedrichstraße vorbei und fährt Richtung Westen. In der S-Bahn heult er Rotz und Wasser vor Erleichterung.

30 Jahre nach dem Mauerfall erzählt die Fernsehdoku „Der Doppelgänger von Ost-Berlin“, die 3sat an diesem Dienstag (22.25 Uhr) zeigt, von dieser Flucht. Ein Film, der beweist, dass es noch deutsch-deutsche Geschichten gibt, die nach all den Jahren noch nicht oder nur wenig bekannt sind. Von Fluchten aus der DDR über Ungarn, mit dem Ballon oder durch Tunnel, davon haben viele schon gehört – von dieser Doppelgänger-Story nicht.

Laut 3sat haben sich Michael Schneider und der Däne Morten Bank-Mikkelsen bei den Dreharbeiten zum ersten Mal getroffen. Beide sind ähnliche Typen, Geschäftsmänner im mittleren Alter.

1988 reist der Däne als Jugendlicher zum ersten Mal ins sozialistische Ausland. Er macht in Ost-Berlin bei einem Tanzturnier mit. Im Hotel Stadt Berlin am Alexanderplatz gibt er seinen Pass ab. Dort arbeitet Schneider, damals 19, an der Rezeption. Er guckt den Pass an, die beiden ähneln sich wie Brüder. „Das könntest du ja sein“, ist sein Gedanke.

Schon zweimal wurde Schneiders Ausreise aus der DDR abgelehnt. Fernweh hat er auch durch seinen Vater bekommen, der als Musiker viel reisen kann. Ein legendäres Konzert von Depeche Mode in Ost-Berlin passt zu seinem Lebensgefühl damals. Er ist ein Teenager, dem die DDR zu eng ist.

Die Entscheidung, den Pass zu stehlen, ist wie ein Kurzschluss, der sein ganzes Leben auf den Kopf stellt. Schneider holt noch Gepäck aus der Wohnung seiner Familie. Verabschieden kann er sich nicht, weil dann die Eltern zu Mitwissern geworden wären.

Besonders beeindruckend ist, wie Schneider im Film erzählt, wie er es mit zitternden Knien im „Tränenpalast“ über die Grenze an der Friedrichstraße schafft. Sein Glück ist, dass die DDR-Grenzer mit ihm Deutsch sprechen wollen, nicht Dänisch, was er nicht kann. In West-Berlin angekommen, wird er warm empfangen. Den dänischen Pass gibt er bei der Polizei ab. Seiner Mutter sagt Schneider am Telefon: „Mama, krieg’ keinen Schreck. Ich ruf’ aus West-Berlin an.“

Sein dänischer Doppelgänger bekommt über Umwege seinen gestohlenen Pass zurück und kann ausreisen. Schneider wird im Westen geraten, auf keinen Fall zu ihm Kontakt aufzunehmen.

Nach der Flucht bleibt für Michael Schneider ein Schmerz: Wird er seine Eltern je wiedersehen? Sein Vater versucht bei einem Besuch im Westen, ihn zurückholen, so wie es die Staatssicherheit will.

Die Geschichte hat ein glückliches Ende. Aber es lohnt sich, sie sich im Film auf 60 Minuten erzählen zu lassen. Eine Zeitreise in die deutsche Vergangenheit, die einem 30 Jahre später sehr unwirklich vorkommen kann.

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