Berlin - Plötzlich sitzt da ein Herr mittleren Alters in Pilotenuniform am Klavier. Mitten in Juttas Wohnzimmer. Die brandenburgische Landwirtin setzt sich dazu, vierhändig musizieren die beiden ein bisschen vor sich hin. Ein eingespieltes, wenn auch etwas eingerostetes Team.
Der Mann und die Frau sind sich sehr vertraut, wahren aber auch einen gewissen, vorsichtigen Abstand zueinander. In welchem konkreten Verhältnis die beiden zueinander stehen, kann man erst mal nur erahnen.
Eine wunderbare, ungewöhnliche Einführung ist das in die Figurenkonstellation des Films „Gloria, die schönste Kuh meiner Schwester“, den das Erste am 27. September um 20.15 Uhr ausstrahlt.
Die Tragikomödie lebt von den fein skizzierten Beziehungen, die ihre schön gezeichneten Figuren miteinander pflegen, den lakonisch-wahrhaftigen Gesprächen, die diese führen – und von deren Darstellern. Dagmar Manzel verkörpert die Bäuerin Jutta Pohlmann mit großer Spielfreude, einer gehörigen Portion Ruppigkeit und schalkhaftem Lächeln im Gesicht.
Der Mann am Klavier ist, wie sich bald herausstellt, ihr Bruder Thomas, und wird gespielt von Axel Prahl, vor allem bekannt als Kommissar Thiel im Münster-Tatort. Der legt die Rolle als nicht unsympathischen, aber seltsam vorbelasteten Charakter mit dunklem Geheimnis an: Beim Thema Geld jedenfalls taucht in Thomas’ Augen stets ein diabolisches Glitzern auf. Dieses von Manzel wie Prahl furios gespielte Geschwisterpaar und seine komplizierte Beziehung zueinander bilden das Kernstück des Films, zu dem Regisseur Ingo Rasper das Buch geschrieben hat.
Um die beiden Hauptfiguren gruppieren sich mit wenigen Strichen und Worten eine Handvoll Personen, die gemeinsam eine Art brandenburgisches Panoptikum darstellen: Juttas Freundin Brigitta mit dem Herzen aus Gold, die in der einstigen „Feinbäckerei Priemke“ ein schlecht besuchtes Solarium betreibt. Jochen, der Ex-Mann der Bäuerin, der sich dem Suff hingegeben hat und hin und wieder als torkelndes Mahnmal am Horizont auftaucht. Oder der charmante Futtermittelvertreter Gerd, der mit seinem Wohnmobil über Land tingelt – und in den sich Jutta heillos verknallt.
Neben dem liebevoll gezeichneten Porträt der nordostdeutschen Pampa geht es auch um die rapide Veränderung, der dieser Landstrich unterworfen ist: Die kleinen Bauernhöfe gehen pleite und werden hier reihenweise vom Agrarkonzern Klotzberg aufgekauft. Doch der Film bietet keine einfachen Lösungen an. Charme und Wahrhaftigkeit machen diese ungewöhnliche Ode an die Provinz zu einer vergnüglichen Abwechslung.
