• Jobs
  • Immo
  • Auto
  • Kleinanzeigen
  • Trauer
  • Hochzeit
  • Guide
  • Shop
  • Tickets
  • nordbuzz
  • Fußball
  • Werben
  • Kontakt
 
NWZonline.de Nachrichten Kultur Medien

Krimireihe: Letztes Lagerfeuer der TV-Unterhaltung

06.10.2020

Berlin Am „Tatort“ scheiden sich die Geister. Für die einen ist er Kult, für die anderen die Pest. Oder allenfalls ein Relikt aus Zeiten des Röhrenbildschirms. Trotz alledem können sich die Sonntagabend-Erstausstrahlungen über ein Millionenpublikum freuen. Ausgerechnet die Krimireihe über Mord und Totschlag ist nicht totzukriegen. Experten sehen den Grund gerade darin, dass es eben nicht den „Tatort“ gibt.

Was macht den „Tatort“ so besonders?

„Manche Tatort-Standorte haben hervorragende Drehbuchautoren, manche erlauben auch Experimente“, sagt die Kulturanthropologin Regina Bendix von der Universität Göttingen. Der Zuschauer habe somit eine Auswahl. „Wer schon lange Tatort schaut, kann diese Unterschiedlichkeit auskosten. Tatort ist nicht gleich Tatort.“

„Wenn man zehn Millionen Zuschauer haben will, muss man eine Mischkalkulation machen“, erklärt Germanist Stefan Scherer vom Karlsruher Institut für Technologie.

Für jüngere, Netflix-erprobte Generationen müsse etwas dabei sein, dass sich am Kino orientiert. Die Wiesbadener Folgen um Ulrich Tukur oder das Weimarer Team um Christian Ulmen und Nora Tschirner seien Beispiele. Großeltern sei das womöglich zu schnell, die bräuchten eher Kammerspielartiges.

Gehen die „Tatort“- Macher mit der Zeit?

Der „Tatort“ werde kontinuierlich umgebaut, betont Regina Bendix. „Dass er sein 50. Jubiläum feiern kann, leitet sich aus der recht genialen föderalen Anlage ab, der es nach 1989 auch gelang, in gewisser Weise integrativ zu wirken.“ Früher noch stärker habe der Tatort zur Landeskunde beigetragen, sagt auch Scherer. „In Norddeutschland hat man die Lebensverhältnisse in Bayern kennengelernt und umgekehrt.“

Durch den regen Wandel könnten auch neue Herangehensweisen gut getestet werden, sagt Christian Hißnauer vom Institut für deutsche Literatur an der Humboldt-Universität (HU) Berlin. Wenn etwas dann beim Publikum nicht ankomme, wie etwa der Saarbrücker Ermittler Jens Stellbrink (Devid Striesow), könne es schnell abgestellt werden. „Gleichzeitig stabilisieren die Altbekannten das Format.“

Wie experimentell ist der „Tatort“ heute?

Insbesondere der Hessische und der Mitteldeutsche Rundfunk trauten sich, experimentelle Kriminalfilme umzusetzen, meint Sabine Pofalla aus der Chefredaktion der Website „tatort-fans.de“.

„Der WDR, NDR und BR hingegen bedienen im Wesentlichen die Sehgewohnheiten der – vorwiegend älteren – Stammzuschauer, die klassische Erzählformate bevorzugen. Das sind jene „Tatort“- Liebhaber, die sich regelmäßig Kommissar Haferkamp, Bienzle oder Horst Schimanski aus den Anfängen der Serie zurückwünschen.“ Die Mischung sei ausbalanciert und genau richtig, findet Pofalla. „Spannend, ernst, komisch, überraschend, erschreckend, seriös und albern: Der Tatort erzeugt Emotionen.“

Auch Hendrik Buhl, Medienforscher an der Uni Regensburg, findet, die ARD habe alles richtig gemacht, dass sie die Reihe im Laufe der Zeit breiter aufstellte. Den „Tatort“ bezeichnet Buhl als „letztes fiktionales Fernsehereignis“, als „eines der letzten medialen Lagerfeuer, vor denen sich die Nation versammelt“.

Das liege aus Bendix’ Sicht auch am Sendeplatz am Sonntag um 20.15 Uhr: „Der markiert das Ende des Wochenendes.“ Da sei oft Zeit zum generationsübergreifenden, gemeinsamen Gucken.

Ist der „Tatort“ immer noch Tagesgespräch?

„Der Tatort wirkt für manche vergemeinschaftend“, sagt Bendix. „Menschen tauschen sich mit Familie und Freunden oder am Arbeitsplatz darüber aus“, sagt sie. Dass dabei auch gelästert werde, tue wenig zur Sache: „Es bilden sich Vorlieben heraus für ein Ermittlerduo, Antipathien für ein anderes, Neugierde, wie ein neuer Tatort sich entwickeln wird, und Genuss, gemeinsam mit einem altvertrauten Tatort-Team zu altern.“

Anders sieht es etwa Hißnauer: Der Sendeplatz passe für viele nicht mehr in den Tagesablauf. Viele schauten heute zeitversetzt. Das habe auch Folgen für den „Tatort“ als Gesprächsthema: „Man kann sich nicht mehr sicher sein am Montagmorgen, dass das Gegenüber ihn auch geguckt hat.“ Das sei früher anders gewesen. Da wusste man, ob der Kollege „Wetten, dass..?“ oder „Tatort“ geguckt hatte.

Buhl betont ebenfalls, dass die „Erzählform der Stunde“ die horizontal erzählte Serie sei. „Vielleicht sollte es den Tatort in Form von Miniserien geben, eventuell sogar mit eigenen Teams dafür, die über mehrere Folgen einen Fall lösen.“ Das entspreche mehr der Netflix-Generation und neuen Sehgewohnheiten. Zudem liege ein wichtiger Faktor in der Mediathek und ähnlichen Nutzungsformen: „Wenn man junge Zuschauer halten will, dann online.“

Meine Themen: Verpassen Sie keine für Sie wichtige Meldung mehr!

So erstellen Sie sich Ihre persönliche Nachrichtenseite:

  1. Registrieren Sie sich auf NWZonline bzw. melden Sie sich an, wenn Sie schon einen Zugang haben.
  2. Unter jedem Artikel finden Sie ausgewählte Themen, denen Sie folgen können.
  3. Per Klick aktivieren Sie ein Thema, die Auswahl färbt sich blau. Sie können es jederzeit auch wieder per Klick deaktivieren.
  4. Nun finden Sie auf Ihrer persönlichen Übersichtsseite alle passenden Artikel zu Ihrer Auswahl.

Ihre Meinung über 

Hinweis: Unsere Kommentarfunktion nutzt das Plug-In „DISQUS“ vom Betreiber DISQUS Inc., 717 Market St., San Francisco, CA 94103, USA, die für die Verarbeitung der Kommentare verantwortlich sind. Wir greifen nur bei Nutzerbeschwerden über Verstöße der Netiquette in den Dialog ein, können aber keine personenbezogenen Informationen des Nutzers einsehen oder verarbeiten.