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Medien: Fernsehen löst sich aus der Schockstarre

18.06.2020

Berlin Deutschland macht sich locker: Die Corona-Einschränkungen werden schrittweise reduziert, und auch das Fernsehen findet nach dem Lockdown allmählich aus der Schockstarre. Doch auch wenn die Produktion von Filmen und anderen Formaten wieder anläuft, von Normalität kann noch längst nicht die Rede sein: Ob „Tatort“, Dschungelshow, Soap oder Liebesfilm: In jedem einzelnen Fall muss geprüft werden, was erlaubt und was möglich ist – oder eben nicht. Die TV-Branche schwankt zwischen Hoffen und Bangen.

Noch steht zum Beispiel in den Sternen, wann Unterhaltungsshows wieder mit großem Studiopublikum stattfinden dürfen. Das ZDF hat deshalb die Reißleine gezogen und Thomas Gottschalks für November geplante „Wetten, dass…?“-Neuauflage auf 2021 verschoben: „Einige Shows verlieren ohne Publikum ihren Kern“, erklärt dazu ZDF-Showchef Oliver Heidemann. Bei anderen Shows ändern die Sender das Konzept – die Reihe „Kitchen Impossible“ etwa, in der Fernsehkoch Tim Mälzer sonst die halbe Welt bereist, dreht Vox jetzt in Deutschland, und die RTL-Realityshow „Sommerhaus der Stars“ wird in Bocholt aufgezeichnet, nicht wie sonst in Portugal. Dagegen hofft der Privatsender, dass die nächste Staffel der Dschungelshow „Ich bin ein Star, holt mich hier raus!“ wie gewohnt in Australien über die Bühne gehen kann.

Die Produktion von Fernsehfilmen und Serien nimmt zurzeit wieder Fahrt auf. Die im Frühjahr abgebrochenen „Tatort“-Drehs in Dresden oder Ludwigshafen gehen weiter, im ZDF steht Anna Loos für die Weihnachtskomödie „Alle Nadeln an der Tanne“ vor der Kamera, beim ZDF dreht Hans Sigl neue Folgen des „Bergdoktor“. Doch die vielen ausgefallenen Drehtage lassen sich nicht einfach aufholen und ARD-Programmdirektor Volker Herres erwartet deshalb für 2021 bei allen Sendern eine „zeitverzögerte Erstausstrahlungslücke“. Allein bei der ARD-Tochterfirma „Degeto“ waren 30 Filme vom coronabedingten Drehverbot betroffen. Bis auf Weiteres gelten für alle Produktionen strenge Abstands- und Hygienevorschriften. Die zuständige Berufsgenossenschaft hat einen dicken Regelkatalog für Dreharbeiten in Corona-Zeiten vorgelegt, der vom eingeschweißten Besteck beim Catering bis zur Quarantäne vor Drehbeginn diverse Maßnahmen nennt. Darin wird auch zu einer „Anpassung des Drehbuchs“ geraten, „zur Vermeidung von körpernahen Szenen wie Umarmungen.“ Und so werden gerade überall im großen Stil hektisch Drehbücher umgeschrieben, um Massenszenen oder Kussmomente zu vermeiden oder irgendwie doch zu ermöglichen.

Das Ganze führt teilweise zu kuriosen Situationen. So sieht das Drehbuch der ARD-Serie „Tierärztin Dr. Mertens“ mit Sven Martinek und Elisabeth Lanz einen Kuss zwischen den Protagonisten vor. Damit das der Corona-Etikette entspricht, wird Elisabeth Lanz bei diesem Schmatzer von Sven Martineks Freundin gedoubelt.

Der Zuschauer soll am Ende nichts davon sehen, dass Filme und Serien unter Corona-Bedingungen gedreht wurden. So arbeitet Regisseur Carsten Meyer-Grohbrügge von der ARD-Seifenoper „Sturm der Liebe“ mit optischen Tricks wie Teleobjektiven: Der Zuschauer soll nicht merken, dass die Figuren auf Abstand zueinander sind, erklärt er. Und ARD-Sprecher Bernhard Möllmann glaubt nicht, dass zum Beispiel Christian Tramitz als TV-Kommissar in „Hubert ohne Staller“ seine Zeugen mit Mundschutz befragen wird: „Die Folgen sind ja erst Monate später im Programm zu sehen. Und dann hoffen wir, ist die Pandemie leidlich überstanden.“ In der heilen Welt der Fernsehserien soll das leidige Thema Corona schön außen vor bleiben.

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