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NWZonline.de Nachrichten Kultur Medien

75 Jahre Kriegsende: Als der „Henker vom Emsland“ wütete

07.05.2020

Bonn April 1945, irgendwo an der nordwestdeutschen Front. Willi Herold, ein junger Mann in Wehrmachtsuniform, entdeckt in einem verlassenen Fahrzeug die blitzblanke Uniform eines Hauptmanns. Er zieht sie an und probt ein paar Haltungen, die seines Erachtens zu der Uniform passen. Den zufällig vorbeikommenden Gefreiten Freytag vermag er damit zu überzeugen. Freytag wird Herolds Fahrer.

In der Folge versammelt der falsche Hauptmann mit forciert selbstsicherem Auftreten immer mehr Versprengte um sich und formiert die „Kampfgruppe Herold“, die schließlich im Hinterland im Auftrag des Führers das Standrecht vertritt. Als die Truppe auf ein Strafgefangenenlager stößt, in dem Wehrmachtsdeserteure das Kriegsende herbeisehnen, beginnt eine Woche des willkürlichen Abschlachtens.

Später zieht die Soldateska marodierend durch die Provinz, bis deutsche Militärpolizei dem mörderischen Treiben ein Ende setzt. Doch dem NS-Militärgericht erscheint Herolds Pragmatismus durchaus verwendungsfähig; eine Verurteilung unterbleibt.

Dokumentation von 1998

Nach mehr als einem Jahrzehnt, in dem er in Hollywood Filme wie „Flightplan – Ohne jede Spur“ oder „R.E.D. – Älter, Härter, Besser“ drehte, kehrte Robert Schwentke mit „Der Hauptmann“ nach Deutschland zurück. Die Geschichte der mysteriös-mörderischen Selbstermächtigung des Gefreiten und Ex-Schornsteinfegerlehrlings Herold war schon 1998 Thema des mit dem Grimme-Preis prämierten Dokumentarfilms „Der Hauptmann von Muffrika“ von Paul Meyer und Rudolf Kersting. Deren chronologisch erzählter Film setzte auf die Konfrontation von Zeitzeugen mit der Landschaft des Emslandes und verzichtete auf ein schlüssiges Psychogramm des Täters.

Schwentke arbeitete bei seinem Film aus der Täterperspektive mit dem blinden Fleck eines nicht (oder nur sehr kurz) zur Identifikation einladenden Protagonisten, dessen Motivation unklar bleibt. Der Regisseur erkennt in dieser mörderischen Köpenickiade das Potenzial, Allgemeineres zur Psychologie des Faschismus zu erzählen, auch wenn sich dies oft als schwierig erweist.

Töten und töten lassen

Der sehr junge Willi Herold muss erst noch lernen, sich in seiner neuen Rolle angemessen zu verhalten. Um seine Autorität zu unterfüttern, muss er selbst töten. Später kann er es sich dann leisten, töten zu lassen. Er muss jedoch stets auf der Hut sein, denn schnell kann sich die Gewalt auch gegen Mitglieder der Gruppe richten.

Diese zwanghafte Gruppendynamik arbeitet die Inszenierung in stilisiert-kontrastreichem Schwarz-weiß eindrucksvoll heraus, auch wenn die partielle Getriebenheit Herolds ohne ansatzweise Psychologisierung in der Tendenz zur Entschuldung ein hoher Preis ist, den der Film zahlt.

Welches Potenzial im Sinne einer anarchischen Höllenfahrt dem Szenario innewohnt, wird erst nach der Zerstörung des Lagers skizziert, als sich die Reste der Truppe jetzt als „Schnellgericht Herold“ auf den Weg in die umliegenden Kleinstädte machen. Wie zuvor schon beim Auftritt zweier Schauspieler bei einem „Bunten Abend“ nach einer Massenhinrichtung bekommt der Film eine surreale Komponente mit grotesk-komischen Zuspitzungen.

War Herolds Agieren im Lager noch ein Lavieren, ein fragiler Hochseilakt, so handelt er jetzt ohne Netz und doppelten Boden wie ein Toter auf Urlaub. Das vorläufige Ende ist dann recht prosaisch, und das sich anschließende Gerichtsverfahren aussagekräftig für das herrschende Regime.

Im Wald verschwunden

Im Film verschwindet Willi Herold „auf Bewährung“ im Dunkel des Waldes. In der Realität wird Herold, der „Henker vom Emsland“, im Mai 1946 zufällig verhaftet und im November mit einigen Mittätern des 125-fachen Mordes angeklagt und hingerichtet.

„Der Hauptmann“ ist kein klassischer Antikriegsfilm und aufgrund der gewollten Leerstellen auch kein „Blick in menschliche Abgründe“, sondern eher eine sehenswerte filmische Meditation über Thomas Hobbes’ Satz vom Menschen, der dem Menschen ein Wolf ist.

Wenn am Schluss die uniformierten Darsteller durch das heutige Görlitz ziehen und mittels Mummenschanz Passanten provozieren, dann ist das allerdings ein etwas platter Witz, der dem ansonsten sehr sehenswerten Film nicht guttut.

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