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TV-Premiere: Parabel über die Möglichkeit des Guten

09.11.2020

Bonn Der Film hat noch gar nicht angefangen, da ruft es schon aus dem grillenzirpenden Schwarzbild hinaus: „Lazzaro!“ Man wird diesen Ruf in „Glücklich wie Lazzaro“ noch oft vernehmen, in den verschiedensten Klangfarben – laut, flüsternd, bittend, befehlend, ungeduldig, und immer mit einem Auftrag, einer konkreten Anweisung verbunden: Lazzaro tu dies, Lazzaro tu jenes. Bring die Kisten rein, trag die Großmutter ins Bett, fang das Huhn und bring es in den Hühnerstall, nimm die Tabakpflanzen ab, mach Kaffee.

Kleines Filmwunder

Lazzaro tut also dies und jenes, und er wirkt dabei nicht mal unglücklich. Bei jedem anderen Menschen würde man sagen: Er ist selbstlos, er ist gutmütig. Lazzaro hält man für den dummen Tor, der er eben auch ist. Einer, der nicht nachfragt und sich bereitwillig ausbeuten lässt.

Nach „Corpo Celeste“ (2011) und „Land der Wunder“ (2014) hat Alice Rohrwacher 2018 ein kleines Wunder von einem Film gedreht. Mit einer ganz für sich stehenden Verbindung aus Sozialdrama, magischem Realismus und Märchen, Arbeiterfilm und Heiligengeschichte erzählt die italienische Filmemacherin über die Möglichkeit des Guten in einem zeitlosen, aber gleichzeitig lebensnahen Italien.

Zusammen mit einer unübersichtlichen Schar von Männern, Frauen und Kindern rackert Lazzaro auf einem von der Außenwelt abgeschnittenen Landgut namens „Inviolata“. Dessen Besitzerin ist die „Zigarettenkönigin“ Marquesa Alfonsina de Luna, die ihre Arbeiter in einer undurchsichtigen Form von Leibeigenschaft hält. Trotz endloser Schufterei häufen sich die Schulden der Bauern immer weiter an.

Die Zeitlichkeit der Geschichte wird in einem schwer zu entziffernden Dazwischen gehalten. Während man sich anfangs noch in der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts glaubt, gibt es bald Anzeichen auf eine eher jüngere Vergangenheit: ein Moped, ein Walkman, die blondierte 1990er-Jahre-Frisur des so verwöhnten wie rebellischen Sohns der Marquesa, mit dem Lazzaro eine ungleiche Freundschaft eingeht.

Nach dem ersten Teil begibt sich der Film auf eine Reise durch die Zeit, mitten hinein in die Gegenwart. Dem von Fortschritt und Geschichte unberührten Lazzaro folgt er vom staubigen, erdfarbenen Land in den gräulich-fahlen Schmutz der Großstadt.

Ungeschliffene Bilder

Rohrwacher nährt sich in diesem Film gesellschaftlichen Themen: Migration und Landflucht, dem Wandel von der Agrar- zur Industriegesellschaft. Die Transzendenz des Films ist mit kargen Mitteln dahingezaubert. Die ungeschliffenen 16-mm-Bilder lassen Staub und Hitze körperlich spürbar werden. „Spirituelles“ Zentrum ist das von dunklen Locken gerahmte Gesicht des Hauptdarstellers Adriano Tardiolo, das sich irgendwo zwischen Renaissancegemälde und Heiligenkitschbildchen bewegt.

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