Berlin - Die Entdeckung der Kernspaltung geschieht auf dem Postweg. Der Chemiker Otto Hahn ahnt nichts von der Tragweite seines Experiments, als er am Abend des 19. Dezembers 1938 in Berlin einen Brief an seine ins Ausland geflohene Forscherkollegin Lise Meitner aufsetzt und von einem scheinbar seltsamen Befund berichtet. Erst Meitner versteht im schwedischen Exil, was Hahn ihr da schreibt: Wird ein Urankern mit Neutronen beschossen, zerbricht er und setzt Energie frei. Wegen dieser Entdeckung wird Meitner später als „Mutter der Atombombe“ bezeichnet. Dieser Beiname gibt einer Arte-Dokumentation am Sonnabend, 2. Februar, um 20.15 Uhr den Titel.
„Lise Meitners wechselvolles Leben ist nicht nur eine exemplarische Geschichte der Benachteiligung von Frauen in Wissenschaft und Forschung, sondern ist vor dem historischen Hintergrund des Zweiten Weltkriegs auch das emotionale Drama einer Pazifistin, die durch ihre Arbeit die physikalischen Grundlagen für die tödlichste Waffe aller Zeiten schaffte“, sagt eine Arte-Sprecherin.
Als zweite Frau überhaupt macht Meitner 1906 den Doktortitel an der Wiener Universität. In Berlin lernt sie Otto Hahn kennen. Er wird für die nächsten 30 Jahre ihr Forschungspartner. Die Österreicherin trifft auch in Berlin auf eine frauenfeindliche Forschungswelt. In Preußen sind weibliche Forscher damals nicht an Universitäten zugelassen. Zu Beginn arbeitet Meitner ohne Bezahlung in einem dunklen Verschlag, den sie nur durch den Hintereingang betreten darf.
Mit den Freiheiten der Weimarer Republik kann sich Lise Meitner eine immer größere Reputation erarbeiten. Sie trifft die größten Forscher des 20. Jahrhunderts wie Niels Bohr oder Albert Einstein, der sie die „deutsche Marie Curie“ nennt. Doch dann muss Meitner, die schon Jahrzehnte zuvor vom jüdischen Glauben zum Protestantismus konvertierte, vor den Nazis fliehen.
Die Amerikaner, die an der Atombombe arbeiten, werden auf sie aufmerksam. Doch für Meitner ist es undenkbar, ihre Arbeit in den Dienst einer Massenvernichtungswaffe zu stellen. Aus ihrem Exil muss sie nicht nur mit ansehen, wie in Hiroshima und Nagasaki durch die Anwendung ihrer Entdeckung Hunderttausende von Menschen einen grausamen Tod sterben, sondern auch wie Otto Hahn den Nobelpreis für Chemie für 1944 verliehen bekommt – ohne sie zu erwähnen.
