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NWZonline.de Nachrichten Kultur Medien

Endlich raus aus dem Hamsterrad

07.11.2016

Berlin Anfang der neunziger Jahre drückten Bildschirmfiguren wie Barbara Eligmann, Hugo Egon Balder oder Hans Meiser dem jungen Privatfernsehen ihren Stempel auf. Zu der Avantgarde der ehrgeizigen neuen Generation von TV-Parvenus gehörte auch der Kölner Ulrich Meyer. Mit seinem Abgang vom Sat 1-Magazin „Akte“, das er seit 1995 mehr als 1000 Mal moderierte, geht nun eine Ära im deutschen Privat-TV zu Ende.

Meyer, draufgängerisch, redegewandt und mit direktem Blick der Kamera verhaftet, eroberte ab Januar 1989 die Herzen derjenigen Zuschauer, die mal eine bunte Abwechslung zu den wohlbekannten Riten des öffentlich-rechtlichen Fernsehens suchten. Meyer präsentierte auf RTLplus den Talk „Explosiv – Der heiße Stuhl“. Unter anderem saß auf ihm Filmemacher Rosa von Praunheim, der 1991 die TV-Größen Hape Kerkeling und Alfred Biolek als homosexuell outete.

Für einen Medien-Knall sorgte Meyers Wechsel von RTL zum Erzrivalen Sat 1 im Jahr 1992, wo er mit „Einspruch!“ ein ähnliches Format wie zuvor auf RTL startete – für Kritiker gehörte der Journalist damals zu Erfindern des neuen „Krawall-Talks“, der als laut und effekthascherisch, aber wenig ergebnisreich kritisiert wurde. Der geschäftstüchtige Meyer beließ es nicht bei der Diskussionsshow, er entwickelte Mitte der neunziger Jahre mit der „Akte“ ein verbraucheraffines Magazin.

Noch heute erinnert sich Meyer gern an Rauschgiftfunde im Bundestag, aufgedeckt von seiner „Akte“. Der TV-Mann, der in zweiter Ehe mit der Journalistin Georgia Tornow (68) verheiratet ist, nennt dieses Ereignis den „spektakulärsten Erfolg“. Dafür erntete er die „Empörung des Ältestenrates“ und ein Hausverbot „in allen Liegenschaften des Deutschen Bundestages, das wir vor Gericht aber abschmettern konnten“, wie er sich erinnert. Als nützlich erwies sich sein Magazin aber besonders, wenn er Internetbetrügern oder teuren Schlüsseldiensten auf die Schliche kam.

Jetzt verabschiedet sich Meyer, nicht weil er seine Sendung angesichts starker Konkurrenz, auch aus dem Netz, für überholt halten würde, sondern aus persönlichen Motiven. „Ich werde Weihnachten 61 Jahre alt und bin damit raus aus allen Zielgruppen des Privatfernsehens“, sagt er. „Das soll man auch als Moderator ernstnehmen. Ich bin überzeugt, dass ein neues Gesicht der Sendung gut tun wird.“ Fast jeden Dienstag habe er live im Studio gestanden, auch als Produzent werde er abtreten. „So toll ein Dauerläufer-Format für einen Produzenten ist – irgendwann muss man raus aus dem Hamsterrad.“ Claus Strunz (50) wird sein Nachfolger.

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