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NWZonline.de Nachrichten Kultur Medien

Medien: Leidenschaftlicher Streiter für die Literatur

02.06.2020

Frankfurt /Main Die wild gestikulierenden Hände, das leichte Lispeln und die etwas krächzende, aber durchdringende Stimme waren seine Markenzeichen. In der Literaturszene wurde Marcel Reich-Ranicki verehrt – und war wegen seines mitunter scharfen Urteils gefürchtet. „Die Klarheit ist die Höflichkeit des Kritikers, die Deutlichkeit seine Pflicht und Aufgabe“, erklärte er einmal. Dabei lasse sich Grausamkeit „leider nicht immer ausschließen“.

Für den wortgewaltigen Literaturkritiker, der 2013 starb und der an diesem Dienstag 100 Jahre alt geworden wäre, gab es kaum Kompromisse: Bücher wurden aufs Höchste gelobt oder mit deutlichen Worten verrissen. So etwa in der ZDF-Sendung „Das Literarische Quartett“, die er seit 1988 fast 14 Jahre moderierte.

„Marcel Reich-Ranicki war der wirkungsmächtigste Literaturvermittler, den wir im 20. Jahrhundert hatten“, erinnert sich Literaturexperte Günter Berg. „Er hatte schon etwas Missionarisches im Hinblick auf seine Zunft.“ Dieses fast schon Kompromisslose habe ihn ausgezeichnet – und so seien auch seine Urteile gewesen: ohne wenn und aber. „Kritiker wie Reich-Ranicki gibt es heute nicht mehr“, sagt der frühere Verleger (Suhrkamp, Hoffmann und Campe) und Vorstand der Siegfried-Lenz-Stiftung. Zum einen, weil die Kultur in den Medien eine immer geringere Rolle spiele, „die Feuilletons werden immer dünner“. Und zum anderen, weil heute für viele das ausgewogene Urteil zähle.

Doch die enorme Leidenschaft, die Reich-Ranicki mit der deutschsprachigen Literatur verband, war nicht selbstverständlich. „Du fährst, mein Sohn, in das Land der Kultur.“ Mit diesen Worten verabschiedete seine Lehrerin den gerade mal neun Jahre alten Jungen, als er aus seiner polnischen Geburtsstadt Wloclawek nach Berlin übersiedelte. So beschreibt es Reich-Ranicki in seiner millionenfach verkauften Autobiografie „Mein Leben“. Jedoch stellte sich das Land der Kultur äußerst widersprüchlich dar. Da war zum einen das Glück, das er in der Literatur, im Theater und in der Musik fand – und zum anderen die deutsche Barbarei, die er als Jude erfahren musste.

Nach dem Abitur wurde Marcel Reich, wie er damals noch hieß, nach Polen ausgewiesen. Aus dem Warschauer Ghetto konnte er 1943 gemeinsam mit seiner Frau Teofila, genannt Tosia, fliehen. Beide überlebten den Holocaust im Untergrund. Seine Eltern starben im Vernichtungslager Treblinka. Nach dem Krieg war „MRR“ Mitglied des polnischen Geheimdienstes und zeitweise polnischer Generalkonsul in London, wo er auch den Namen „Ranicki“ zusätzlich annahm.

Im Jahr 1958 ließ sich Reich-Ranicki für immer in Deutschland nieder. In Hamburg war er von 1960 an Literaturkritiker der Wochenzeitung „Die Zeit“. 1973 ging er mit Joachim Fest zur „Frankfurter Allgemeinen Zeitung“ und leitete dort bis 1988 die Literatur-Redaktion. Bis zuletzt arbeitete er jedoch weiter für die „FAZ“ als Kritiker und Redakteur der „Frankfurter Anthologie“. Er war einflussreich, aber auch umstritten, wurde bewundert und kritisiert.

Vielen in Erinnerung geblieben sind seine öffentlichen Kontroversen mit prominenten Schriftstellern wie Günter Grass oder Martin Walser. Unvergessen ist auch sein Auftritt beim Deutschen Fernsehpreis im Jahr 2008, wo er dem überraschten Publikum erklärte: „Ich nehme diesen Preis nicht an“ – und damit eine Debatte über das Niveau im Fernsehen entfachte. „Er hat für Deutschland mehr getan als die meisten Kultur-Politiker“, sagte TV-Moderator Thomas Gottschalk, der Reich-Ranicki zudem als „begnadeten Entertainer“ bezeichnete. Und: „Mit seinen Memoiren hat er uns nichts vergessen, aber vieles vergeben.“

„Marcel Reich-Ranicki hat trotz der Qualen, die er und seine Angehörigen in der Schoa erlitten haben, seine Liebe zur deutschsprachigen Literatur nie verloren“, sagte der Präsident des Zentralrats der Juden, Josef Schuster.

In seiner Autobiografie und seiner Rede zum Holocaust-Gedenktag 2012 im Bundestag habe er die Zustände im Warschauer Ghetto eindrücklich geschildert und einem breiten Publikum bekannt gemacht. „Glasklar benannte er, woran sich heute viele nicht mehr erinnern möchten: An der Ermordung der europäischen Juden waren tausende Deutsche und ihre Helfershelfer beteiligt“, sagte Schuster.

Reich-Ranicki, der unter den Nazis nicht studieren durfte, erhielt für seine Arbeit zahlreiche Ehrungen und neun Ehrendoktorwürden – zuletzt von der Humboldt-Universität Berlin und der Universität Tel Aviv. In der israelischen Stadt wurde außerdem ein nach Reich-Ranicki benannter Lehrstuhl für deutsche Literatur eingerichtet.

Mit seiner Frau Tosia, die ihren Mann im Warschauer Ghetto kennenlernte, war „MRR“ rund sieben Jahrzehnte verheiratet. 1948 kam Sohn Andrew (gestorben 2018) auf die Welt. Tosia starb 2011, Marcel Reich-Ranicki knapp zweieinhalb Jahre später im Alter von 93 Jahren in Frankfurt.

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