GORLEBEN - Elbmarsch, Wälder, Äcker und Horizont so weit das Auge reicht. Alleen führen vorbei an Fachwerkhöfen in alte Rundlingsdörfer namens Großwitzeetze, Krummasel oder Meuchefitz. Das Wendland im östlichsten Zipfel von Niedersachsen ist ein perfektes Idyll.

Es ist aber auch die perfekte Abgeschiedenheit, die ehemalige dünn besiedelte Zonengrenze, in der Atomindustrie und Politiker seit 1977 versuchen, in einem Salzstock bei Gorleben ein Endlager für hochradioaktiven Müll einzurichten. In der Region dreht der Schweizer Regisseur Walter Weber („Bella Block“, „Wilsberg“) den ZDF-Film „Ein Dorf sieht Mord“. Der Krimi kreist um ein dunkles Geheimnis, das die Bewohner seit der Gründerzeit der Anti-Atom-Bewegung teilen.

Über einer Kiefernschonung flirrt heiße Luft, rot leuchten die Baumstämme in der Sonne. Am Waldrand schimmert die Kartoffelblüte violett. Vor dem reetgedeckten Forsthaus hält das Cabrio von Lotte Feininger (Lavinia Wilson). Die junge und attraktive Fotografin ist angeblich ins Dorf gekommen, um einen Bildband über das Wendland zu erarbeiten. Doch plötzlich sterben von ihr porträtierte Männer auf mysteriöse Art und Weise, was den Verdacht auf die Fremde lenkt.

Auch Schriftsteller Martin Selig (August Zirner), der sich in das Forsthaus zurückgezogen hat, befürchtet zunächst, dass Lotte eine Mörderin sein könnte. Dabei hat sich der ergraute Romancier, der mit zerknittertem Cord-Jackett aus Lottes Cabrio klettert, gerade in das Mädchen verliebt.

Bei seinen Recherchen erfährt Selig schließlich, dass Lotte auf der Suche nach der eigenen Vergangenheit ist. Ihre verstorbene Mutter kam 1980 ins Gefängnis, weil ihr bei der Räumung des legendären Hüttendorfes „Republik Freies Wendland“ über dem Gorlebener Salzstock Molotow-Cocktails untergeschoben worden waren. Die Bewegung, die eine Eskalation hatte verhindern wollen, ächtete sie. Lotte kam ins Heim.

„Es ist ein Wendepunkt in der Sittengeschichte Deutschlands, zum ersten Mal gab es gewaltfreie Proteste nach dem RAF-Terror der 70er Jahre“, sagt Regisseur Weber. „Ich finde das ein spannendes Thema, gerade jetzt, wo man zur Atomkraft zurück will.“

Das Drehbuch der Network-Movie-Produktion ist inspiriert vom Bestseller „In unnütz toller Wut“ des holländischen Autors Maarten ’t Hart. „Es ist das bezaubernde Motiv einer Fotografin, die in ein Dorf kommt, und Menschen sterben“, erklärt Weber. Mit „Das geheime Leben meiner Freundin“ verfilmte der Regisseur 2004 bereits ’t Harts Roman „Die Sonnenuhr“ für das ZDF. Kameraflüge mit dem Hubschrauber fangen die malerische Landschaft und die rasanten Cabrio-Fahrten der Fotografin Lotte auf der Jagd nach Verrätern ein. Der Ausstrahlungstermin des Films „Ein Dorf sieht Mord“ ist noch offen.

Der Anti-Atom-Protest ist im Wendland allgegenwärtig. Als Symbole des Widerstandes sind das gelbe X oder die Flagge der „Republik Freies Wendland“ an fast jedem Haus und auf fast jedem Stück Land zu sehen. Die in der Bürgerinitiative Lüchow-Dannenberg und der Bäuerlichen Notgemeinschaft organisierten Bewohner gehen immer wieder auf die Barrikaden, wenn im Herbst ein Castor-Transport mit Atommüll ins oberirdische Zwischenlager Gorleben rollt.

„Durch die Proteste merkt man, dass es eine viel mündigere Bauernschaft ist“, sagt Darstellerin Lavinia Wilson. Schauspieler Zirner sieht in dem Film auch eine Unterstützung für die wehrhaften Wendländer: „Man kann noch einmal die wichtige und beeindruckende Arbeit der Anti-Akw-Gemeinde würdigen.“