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NWZonline.de Nachrichten Kultur Medien

Doku über Hannelore Kohl: Die „erste Frau“ litt Höllenqualen

30.04.2020

Berlin Ein amerikanischer Polizist zündet ihr eine Zigarette an, sie wirft den Kopf leicht nach hinten. Eine lässige Lady vor der Skyline von Chicago, es sieht aus wie eine Zigarettenwerbung. Von wegen Barbie aus der Pfalz. Das Foto wirft ein Image um: das der biederen Hausfrau mit Betonfrisur, das Hannelore Kohl über viele Jahre und viele Urlaube am Wolfgangsee hinweg verpasst wurde. Kommendes Jahr ist es 20 Jahre her, dass sich die Ehefrau von Helmut Kohl nach langer Krankheit und der CDU-Spendenaffäre das Leben nahm.

Am Freitag, 1. Mai (Das Erste/18.30 Uhr), widmen sich Ex-„Spiegel“-Chefredakteur Stefan Aust und sein Kollege Daniel Bäumler in 90 Minuten einer unterschätzten Frau, deren Leben ein Stück Nachkriegsdeutschland spiegelt. Das Erste strahlt die Doku aus. Hannelore Kohl hatte auf die Politik ihres Mannes mehr Einfluss, als man meint: „Sie hat ganz erkennbar ihre eigene Rolle immer heruntergespielt“, sagt Aust. Der Untertitel der Doku, „Die erste Frau“, ist doppeldeutig. Sie war das sowohl für ihren Mann als auch im gewissen Sinne für die Bundesrepublik.

Produzent des Films ist Nico Hofmann, der schon 2009 „Der Mann aus der Pfalz“ drehte, der auf 30 Stunden Interview mit Helmut Kohl basierte. Hofmann spricht nicht nur den gleichen Dialekt, er kommt aus der gleichen Gegend. Seine Eltern waren Journalisten und kannten die Familie des CDU-Politikers gut. „Sie strahlte eine tief empfundene Emanzipation aus“, sagt Hofmann über Hannelore Kohl. Sie sei „eine charismatische und selbstbewusste Frau, ein formidabler Charakter“ gewesen.

Was ist nicht schon alles über Helmut Kohl gesagt, gefilmt und geschrieben worden. Über den damals jüngsten Ministerpräsidenten von Rheinland-Pfalz, die Feindschaft mit Franz Josef Strauß. Den vermeintlichen Provinzler, der Saumagen liebte und als „Birne“ verspottet wurde. Über die gestellten Fotos der Politikerfamilie am Spielebrett, das Ehepaar mit Hirschen posierend. Er war der „Kanzler der Einheit“, der „blühende Landschaften“ versprach, die CDU-Legende, die über die Spendenaffäre strauchelte. Dann kam die junge zweite Ehefrau, Maike Kohl-Richter, das Drama mit den Söhnen nach Helmut Kohls Tod 2017. Das alles ist bekannt.

Aber wie die langjährige Frau an seiner Seite war, das wissen nicht so viele. Die sehenswerte Doku erzählt das Leben von Hannelore Kohl als deutsche Geschichte, chronologisch, mit viel Archivmaterial. Zeitzeugen wie der Fahrer und die Haushälterin aus Bonner Zeiten, eine Freundin Hannelores, Journalisten und politische Weggefährten kommen zu Wort, auch Alice Schwarzer.

Der Ton des Films ist respektvoll, aber nicht anbiedernd. Der Tenor: Helmut Kohl war stolz auf seine Frau, in jungen Jahren war er ihr Beschützer. Die beiden waren ein gutes Team. Aber sie hat sehr viel durchgemacht und sich wie viele Frauen dieser Generation Zeit ihres Lebens zurückgenommen, sie lebte „im eisernen Machtsystem ihres Mannes“, heißt es.

Manches ist überraschend: Wer weiß schon, dass Hannelore Kohl gern mit der Pistole schoss und wie die Homestory dazu zustande kam? Das Verhältnis von Helmut Kohl zu seiner Vertrauten Juliane Weber oder die Gewalt durch Soldaten, die Hannelore Kohl, das Flüchtlingsmädchen aus Leipzig, in der Nachkriegszeit erlebte: Beides ist Thema, aber recht behutsam verpackt.

Getragen wird der Film von den Söhnen Peter und Walter Kohl, beide optisch eine Variation des Vaters, gestandene Männer Mitte/Ende 50. Beide blicken reflektiert zurück, zeigen Gefühle. Sie erlebten, was sich für die Familie wie Sippenhaft anfühlte, spürten die Bedrohung durch den Terrorismus in der BRD. Das Haus in Oggersheim war ein „Hochsicherheitstrakt mit Schulanschluss“, erinnert sich Peter Kohl. Die CDU war für seine Mutter wie eine Firma, bei der ihr Mann arbeitete, es hätte demnach auch eine andere Partei sein können.

Als Kohl 1982 Kanzler wurde, fremdelte seine Frau mit Bonn, sie ist nie allein und wird doch immer einsamer, so erzählt es der Film. 1993 erleidet sie demnach einen Allergieschock, dazu kommt eine starke psychosomatische Komponente, sie verliert ihre Haare und Fingernägel. Sie verträgt kein Licht mehr, der Kanzlerbungalow mit seinem vielen Glas wird zur Qual.

Als Helmut Kohl 1998 seinen Posten als Kanzler verliert, bringt das die beiden nicht näher zueinander. Dann gerät die CDU wegen der Spendenaffäre und schwarzer Konten ins Trudeln. Auch die in ihrer Stiftung für Unfallopfer engagierte Hannelore Kohl wird zur Beschuldigten – „obwohl nichts gegen sie vorliegt“, so der Film.

Seine Mutter sei angespuckt und als „Spendenhure“ beschimpft worden, erinnert sich Walter Kohl. Sein Bruder Peter sagt, bei seiner Mutter sei das Gefühl entstanden, alle Anstrengungen seien umsonst gewesen. Dazu die Krankheit. „Ich verbrenne von innen“, soll Hannelore Kohl gesagt haben. 16 Abschiedsbriefe habe sie hinterlassen, sagt Walter Kohl. „Das war eine wohlüberlegte, vorbereitete Handlung. Kein Affekt.“

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