Berlin - Über den Markt streifen, sich dem Puls der exotischen Metropolen vor der Hoteltür aussetzen – nichts liegt den beiden Unternehmensberatern in Johannes Nabers „Zeit der Kannibalen“ ferner. Sie genießen nach Feierabend das Leben im Luxushotel, das alle Annehmlichkeiten der westlichen Welt bietet.
Doch mit ihrem Job sorgen sie dafür, dass sich das Elend in Asien und Afrika verschärft. Das groteske Kammerspiel wird von der ARD innerhalb der Reihe „Filmdebüt im Ersten“ an diesem Dienstag um 22.45 Uhr ausgestrahlt. Sicher ein Höhepunkt der Reihe – leider erst zur späten Sendezeit.
Das Innenleben der Macht und das Gebaren der skrupellosen Manager-Elite sind seit der Finanzkrise auch im deutschen Fernsehen ein Thema. In Marc Bauders mit dem deutschen Filmpreis ausgezeichneten Dokumentarfilm „Masters of the Universe“ plaudert ein Banker über das Innenleben der Finanzwirtschaft, dass einem das Herz stillsteht. In Christoph Hochhäuslers „Unter Dir die Stadt“ sind die Investmentbanker wie durch Panzerglas von der Welt da draußen und ihren eigenen Gefühlen abgeschnitten.
Diese Metapher nutzt auch Johannes Naber für seinen Geniestreich. Er macht sich nie die Mühe zu verbergen, dass die drei smarten Jungmanager seines Dramas in ihrer eigenen Welt leben. Im Gegenteil, er unterstreicht die Künstlichkeit ihres Daseins, wenn der Blick aus dem Fenster auf eine Pappkulisse trifft, die bei der kleinsten Erschütterung wie ein Kartenhaus in sich zusammenbrechen könnte.
Aus dem Bürofenster
Doch noch sind die dynamisch-energischen Unternehmensberater Öllers und Niederländer bester Laune. Seit sechs Jahren touren sie durch die ärmsten Länder der Welt, um den Profithunger ihrer Kunden zu stillen. Um die Preise für die Produktion zu drücken, erpressen sie die Zulieferer.
Wenn Indien zu teuer wird, geht es halt nach Pakistan. Was vor ihrer Haustür passiert, über wie viele Schicksale sie entscheiden, ist ihnen völlig egal. Jeder Kontakt mit der Außenwelt ist ihnen ein Graus, den Angestellten des Hotels begegnen die reichen Weißen mit Verachtung und Herablassung.
Trotz aller Gemeinsamkeiten sind die beiden Männer Konkurrenten, denn sie haben ihr eigentliches Ziel nicht aus den Augen verloren. Sie wollen Partner in ihrer Consulting-Agentur werden. Nachdem ihr Teamkollege Hellinger den ersehnten Job bekommen hat, liegen die Nerven blank. Dass Hellinger sich bald aus dem Bürofenster stürzt, hilft ihnen beim Kampf um den eigenen Job nicht weiter. Denn nun sitzt ihnen die junge, ehrgeizige Bianca im Nacken.
Lange war Kapitalismuskritik im deutschen Fernsehen inhaltlich nicht so gnadenlos und brillant inszeniert, selten wurden die Globalisierung und ihre sozialen Folgen für die Arbeitnehmer in den Entwicklungsländern, die oft nur eine verlängerte Werkbank für westliche Konzerne sind, so treffend skizziert. Naber geht dahin, wo es wehtut.
Hülsen von Worten
Das Kammerspiel wird ohne großes Vorgeplänkel zu einem verbalen Schlagabtausch, bei dem auf zynischste Weise fortwährend Gemeinheiten zum Besten gegeben werden. Selbst das Gerede von Bianca über die Würde der Frau entpuppt sich schnell als leere Worthülse.
Dabei meistert der Regisseur in seiner Groteske einen sehr schmalen Grat. Er denunziert seine Figuren nie, indem er auf billige Klischees des rücksichtslosen Jungunternehmers setzt, der nur am eigenen Fortkommen interessiert ist. Die beiden Männer glauben wirklich daran, das Richtige zu tun.
Innerhalb der traditionsreichen Leistungsschau des Filmnachwuchses laufen auf dem gleichen Sendeplatz am 22. Juni „Simon sagt auf Wiedersehen zu seiner Vorhaut“ und am 28. Juni „Anderswo“. In den Wochen darauf folgen sechs weitere Filme.
