Herr Scobel, wird es in der neuen Ausgabe der Literatursendung „Buchzeit“ an diesem Sonntag auch um die Coronakrise gehen?
ScobelNein, eher nicht. Ich will nicht ausschließen, dass das Thema aufkommt, weil es uns alle ja derzeit so stark beschäftigt, aber die Ausgabe steht nicht unter dem Motto Corona. Allerdings geht unsere Diskussion über Neuerscheinungen erstmals ohne Publikum über die Bühne, insofern spielt die Krise also schon eine Rolle.
Inwiefern?
ScobelWeil die Zuschauer natürlich auf uns reagieren, und wenn diese Reaktion fehlt, dann reden meine drei Mitdiskutantinnen Sandra Kegel, Barbara Vinken und Katrin Schumacher und ich sicher anders miteinander, als wir das vor Publikum tun. Die vier Bücher, die besprochen werden, haben aber nichts mit Corona oder verwandten Themen zu tun, es sind also keine Endzeitromane auf der Tagesordnung.
Also mal was anderes als das Dauerthema Pandemie.
ScobelGenau, wir machen nicht die x-te Sondersendung zum Thema Corona, sondern stellen neue Romane vor, die sich mit anderen wichtigen Fragen des Lebens beschäftigen.
Viele Menschen lesen jetzt angeblich „Die Pest“ von Albert Camus.
ScobelStimmt, aber das ist glaube ich nicht das Buch von Camus, das besonders gut zur Coronakrise passt, denn in „Die Pest“ geht es hauptsächlich um eine politische Krise. Der Camus-Text, der meiner Meinung nach derzeit viel besser passt, ist „Der Fall“, denn in diesem Roman geht es darum, was die Folgen von Gleichgültigkeit sind, und das halte ich momentan für das viel wichtigere Thema.
Was lesen Sie zurzeit?
ScobelViele Texte der Philosophin Hannah Arendt, die einige der Probleme, die uns momentan beschäftigen, mit einer unglaublichen Hellsichtigkeit vorausgesehen hat – und sie in einer ganz verständlichen und brillanten Sprache analysiert, großartig.
Kann Literatur in Krisenzeiten helfen?
ScobelUnbedingt, und das aus mehreren Gründen. Literatur führt mich aus meiner sehr beengten Welt heraus, eröffnet mir neue Horizonte und Perspektiven. Literatur lässt mich das Anderssein von anderen Menschen besser verstehen, sie stärkt Verständnis, Kommunikation und Empathie. Außerdem eröffnet einem Literatur Handlungsoptionen – ich kann im besten Fall von einer Romanfigur lernen, dass ich mich auch ganz anders verhalten kann als ich das normalerweise tue.
Kann Lesen die Welt verändern?
ScobelIch glaube ja. Wenn ich von meiner eigenen Lebensgeschichte ausgehe, und das muss ich ja, dann ist diese Lebensgeschichte zum großen Teil eine Lesegeschichte. Hat Lesen meine Welt verändert? Definitiv.
Was ist denn Ihr Lieblingsbuch, das Sie immer wieder mal aufschlagen?
Scobel„Der Mann ohne Eigenschaften“ von Robert Musil. Marcel Reich-Ranicki, mit dem ich mich mal drüber unterhalten habe, fand zwar, das sei gar kein richtiger Roman und überdies auch noch ein schlechtes Buch. Aber ich sehe das ganz anders: „Der Mann ohne Eigenschaften“ ist mein Lebensbuch.
