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NWZonline.de Nachrichten Kultur Medien

Brauchtum: Kampf ums größte Volksfest der Welt

04.09.2020

München Die Männer mit ihren Federn und Baströcken am Isar-Strand verwirren am Anfang etwas. Eine Rückblende in die Zeit der Bajuwaren? Nein, die schauten nicht so aus wie diese „Wilden“ aus der Südsee, aus Deutsch-Samoa.

Was das mit der Wiesn zu tun hat? Viel. Denn ab 1875 wurden dort Völkerschauen mit Menschen aus aller Welt immer populärer, die letzte fand 1959 statt. Solche „Kannibalen“ gaben einem das Gefühl, was Besseres zu sein, und zuzutrauen war ihnen eh alles, selbst ein Mord am ehrwür- digen Giesinger Gasthof- und Brauereibesitzer Ignatz Hoflinger (Francis Fulton-Smith).

Hochkarätig besetzt

„Oktoberfest 1900“ heißt die an historische Gegebenheiten angelehnte Event-Serie, für die Alexis von Wittgenstein das Konzept entwickelt hat. Ab 15. September wird sie an drei Abenden jeweils mit Doppelfolgen im Ersten ausgestrahlt – ab 8. September schon in der ARD-Mediathek. Unter der Regie von Hannu Salonen spielt eine Riege erstklassiger Schauspieler mit. Geht es nach Maximilian Brückner, der einen korrupten, reichen Bierbrauer namens Anatol Stifter verkörpert, sollte man sich das nicht entgehen lassen: „Ein Thriller, ein Drama, eine Komödie – da ist alles drin.“

Hoflinger ist das erste Opfer des aus Nürnberg stammenden Aufsteigers Curt Prank (Misel Maticevic). Mit seiner Tochter Clara (Mercedes Müller) ist er nach München gezogen, um seinen Traum von der „Bierburg“ für 6000 Gäste zu verwirklichen. 20 Mal so groß wie die sonst üblichen Bierbuden auf dem Oktoberfest soll sie sein. Dafür braucht er die entsprechende Stell- fläche; um diese zu kriegen, ist ihm jedes Mittel recht. Kommt er mit Bestechung nicht weiter, hilft ihm sein Mann fürs Grobe (Martin Feifel). Diesen Gastronom gab es tatsächlich. Er hieß Georg Lang, und in seiner Bierhalle erklang erstmals das bekannte Trinklied „Ein Prosit der Gemütlichkeit“.

Die Hoflinger-Witwe (Martina Gedeck) kämpft derweil ums Überleben der Deibel-Brauerei und um das ihre Familie voraussichtlich sanierende Wiesn-Geschäft. Die Hoffnung möge weiterleben in ihren beiden Söhnen und in „ihrem guten Bier“, hat ihr der Pfarrer bei der Trauerfeier gewünscht.

In Prag gedreht

Wie aus einem kraftvollen Sud für ein süffiges Märzenbier haben die Macher aus dem Vollen geschöpft. In den Prager Studios wurde ein München zur Prinzregentenzeit geschaffen mit düsteren Ecken samt farbenprächtigem Oktoberfest, das nichts von der Bussi-Stadt hatte. Dafür gab es eine Schwabinger Boheme mit Kandinsky, Thoma und Gräfin Reventlow.

Als diese Künstler beim „Oiden Deibel“ im Arbeiterviertel Giesing zu Gast sind, treffen zwei Welten aufeinander. Mittendrin Wirtssohn Ludwig, der als Zeichner für den „Simplicissimus“ entdeckt wird und dessen damals noch strafbare Homosexualität ihn erpressbar macht.

Liebe, Intrige, Gewalt und Humor – die Serie nimmt einen mit in eine andere Zeit und lässt in Abgründe blicken. Die Wiesn-Besucher kriegen von all dem, was im Hintergrund abgeht, nichts mit.

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