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NWZonline.de Nachrichten Kultur Medien

Trauerarbeit mit zwei Kidnappern

20.08.2018

München Georg Friedrich ist eine Schau. Einmal mehr. Der österreichische Schauspieler ist im deutschsprachigen Film abonniert auf die Rolle des immer etwas abgerissenen, oft ziemlich fiesen Prolls und Kleinkriminellen. Besondere Merkmale: sein ausgeprägter Wiener Schmäh, vorgetragen mit nöliger Stimme. Und eine Lässigkeit, die ihresgleichen sucht. In der Tragikomödie „Nichts zu verlieren“, die das Erste am 29. August um 20.15 Uhr ausstrahlt, darf Friedrich nun eine etwas lichtere Version seiner Standardrolle geben.

Er spielt Richy, der auf der Flucht nach einem Einbruch mit seinem Halbbruder Tom eine Reisegruppe entführt. Der Haken daran: Sie sind Teilnehmer einer sogenannten Trauerreise. Alle haben einen Verlust erlitten und wollen nun zusammen mit einer Therapeutin ein paar Tage unter Gleichgesinnten verbringen. Diese Entführungsopfer haben, wie der Titel schon sagt, „nichts zu verlieren“. Was den Job der beiden Gangster ziemlich erschwert: Wer im Reisebus das Sagen hat, wird hier immer wieder neu ausgehandelt.

Da wäre etwa Reiseleiterin und Trauertherapeutin Irma (Lisa Wagner), die selbst ebenfalls mehrere Verluste zu verwinden hat: Nach wiederholten Fehlgeburten steht ihre Ehe mit dem Chef des Reiseunternehmens auf der Kippe. Da ist die junge Witwe Miriam (Emily Cox), die jedem gleich ihr Herz ausschüttet; die ebenso elegante wie unnahbare Hilde (Susanne Wolff), der Witwer Helmut (Bernhard Schütz) oder der kontaktfreudige Harry (Stefan Merki), bei dem niemand so recht weiß, um wen er eigentlich trauert. Und von Trauer betroffen sein, das ahnt man früh, werden bald auch die Entführer selbst sein: Richy wurde bei dem Einbruch angeschossen, weshalb der Bus zur bayerisch-österreichischen Grenze dirigiert wird. Dort wartet ein Arzt auf den schwer verletzten Einbrecher.

Doch das Fahrzeug ist alt und langsam, was Teil des Trauerreisen-Konzepts ist. Und sowohl Irmas Mann als auch Richys und Toms betrogener Kompagnon sind der ungewöhnlichen Reisegruppe auf den Fersen. Die wächst in der Zwischenzeit vor allem angesichts des verletzten Verbrechers zum Kollektiv zusammen: Die Solidarität erstreckt sich zunehmend nicht nur auf die Trauergäste, sondern bezieht auch die beiden im Grunde harmlosen Kidnapper mit ein.

Das immer warmherzigere Miteinander zwischen Entführern und Entführten mag nicht sonderlich realistisch sein. Das stört aber nicht weiter, denn Drehbuchautorin Ruth Thoma und Regisseur Wolfgang Murnberger geht es um etwas anderes: Solidarität und Gemeinschaft zu feiern als wesentlichen Teil von Trauerarbeit. Das gehört auch zum Konzept der Trauerreisen, die es seit einigen Jahren wirklich gibt. Zugleich soll „Nichts zu verlieren“ aber einfach auch ein unterhaltsamer TV-Film sein. Ein Spagat, der der Tragikomödie mühelos gelingt.

Die jahrzehntelange Film- und TV-Erfahrung von Autorin wie Regisseur ist dem effizient gebauten Werk wohltuend anzumerken: Der fokussierte, klare Blick auf die Story lässt den stimmig gezeichneten Figuren genug Raum, sich zu entfalten. Und die wunderbaren Darsteller scheinen sich mit ihrer großen Spielfreude für die präzisen, schön schwarzhumorigen Dialoge zu bedanken.

Dabei glänzt neben Georg Friedrich vor allem dessen weiblicher Gegenpart Irma: Diese Figur wird von Lisa Wagner geradezu kongenial umgesetzt. Mit dem Mut der Verzweiflung und stoischem Trotz im Gesicht versucht die spröde Irma, die Hoheit über die ihr anvertrauten Schäfchen zu behalten: Und natürlich steht das auch sinnbildlich für ihr eigenes Leben und Trauern.

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