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NWZonline.de Nachrichten Kultur Medien

Nach knackigen Überschriften suchen

29.11.2016

Berlin Der Journalismus-Thriller „Spotlight“ hat für Aufsehen gesorgt und zur Belohnung vier Oscars kassiert. Die etwas kleinere, vielleicht auch etwas deutschere Version heißt „Die vierte Gewalt“ und läuft an diesem Mittwoch (20.15 Uhr) im Ersten.

Benno Fürmann spielt darin den freien Journalisten Jan Schulte, der einen sogenannten Scoop wittert: Die Bundesgesundheitsministerin soll ihre Macht ausgenutzt haben, damit ihr Bruder bei einer Organspende bevorzugt wird.

Der Film lief bereits im August auf Arte – damals schauten rund 620 000 Zuschauer zu. Auch dieses Mal dürfte das Interesse ganz ordentlich sein, denn die anderen Sender bieten zum Beispiel „Die schönsten Weihnachts-Hits“ mit Carmen Nebel (ZDF) oder „Das große Backen“ (Sat1) auf – keine unüberwindbare Konkurrenz.

„Die vierte Gewalt“ hat alles, um zum politischen Skandal zu taugen. Ähnlich wie „Spotlight“, wo Reporter Kindesmissbrauch in der katholischen Kirche aufdecken, zeigt „Die vierte Gewalt“ die redaktionellen Abläufe, wie es zu der Geschichte kommt.

Etwas niederschreiben

Aus Journalistensicht bedient das mit Grimme-Preisen ausgestattete Duo aus Regisseurin Brigitte Maria Bertele und Drehbuchautor Jochen Bitzer dafür aber einige Klischees. Manche Politiker mögen denken: Genauso ist es. Und „Lügenpresse“-Rufer werden sich bestätigt fühlen.

So wirft der Ministeriumssprecher dem Journalisten vor, es gehe ihm nur um Klicks. Eine aufstrebende Politikerin bekommt den Rat: „Das ist ein Journalist. Wenn der die Wahl hat zwischen ’ner Story und dir, überlegt der nicht lange.“

Die Politikerin wiederum wirft dem Reporter vor, Journalisten überlegten sich genau, was sie als Nächstes niederschreiben. Der hingegen hegt Pläne, sie hochzuschreiben. Das wirkt alles ein bisschen effekthascherisch. Bitzer und Bertele waren zur Vorbereitung auf den Film bei „Spiegel online“, wie dessen Kulturredakteur Christian Buß nach der Vorführung des Thrillers auf dem Münchner Filmfest schrieb.

Seine Einschätzung: „Stark recherchiert, lustvoll verdichtet: Das sind Beschreibungen, die auch auf ,Die vierte Gewalt’ zutreffen. Es wäre müßig und langweilig, an dieser Stelle aufzulisten, was an dem Film ver- und natürlich auch erdichtet ist. Es ist viel!“

So gelingt es den Machern aber auch, der Produktion von NDR und Arte die eine oder andere überraschende Wendung zu geben. Das macht die 90 Minuten durchaus zu einem spannenden, unterhaltsamen Werk. Aber es ist eben ein Film, der mit der Realität allenfalls grob etwas zu tun hat – anders als „Spotlight“, der eine wahre Begebenheit aus der Geschichte des „Boston Globe“ nachzeichnet.

Lauter schreien

Allerdings überzeugen die Schauspieler in „Die vierte Gewalt“: An der Seite eines hervorrangenden Benno Fürmann mimt Jördis Triebel die Reporterin Britta. Die Gegenparts übernehmen Franziska Weisz als neues Polittalent Katharina Pflüger und Devid Striesow als Pressesprecher.

So oder so stellt der Film Fragen nach journalistischer Verantwortung. „Eine der größten Errungenschaften, die wir haben, ist die Presse- und Meinungsfreiheit. Und die gilt es um jeden Preis zu verteidigen“, sagt Darsteller Fürmann gewissermaßen stellvertretend.

Er räumt aber ein, dass Presse auch bei uns nicht frei von Zwängen ist. Und er zieht den Schluss: „Knackige Überschriften, kurze reißerische Texte sind teilweise der Preis, den wir dafür zahlen, dass man immer lauter schreien muss, um in einer medial überfluteten Welt zu überleben.“

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