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NWZonline.de Nachrichten Kultur Medien

Erfolgreich mit dem stechendem Blick

14.10.2019

Palm Springs Vor seinem
75. Geburtstag zieht Udo Kier Bilanz: „Ich bin ein Lucky Man.“ Begeistert erzählt er von seinen vielen Filmen in diesem Jahr. Beim Filmfest in Cannes feierte er im Mai die Premiere der Gesellschaftssatire „Bacurau“, die er mit Sonia Braga in Brasilien gedreht hat. Im August lief er bei den Festspielen in Venedig für „The Painted Bird“ über den roten Teppich. Gerade hat er mit „Denver-Clan“-Star Linda Evans „Swan Song“ abgedreht, und nun laufen Gespräche mit Oscar-Preisträger Guillermo del Toro („Shape of Water“), der ihn an der Seite von Bradley Cooper vor die Kamera holen könnte.

Im kalifornischen Wüstenstädtchen Palm Springs will Kier an diesem Montag seinen 75. Geburtstag feiern. Er habe 20 Freunde nach Hause eingeladen, darunter auch Maler. Kunst ist seine Leidenschaft. An den Wänden hängen Werke von Andy Warhol, David Hockney, Sigmar Polke und Rosemarie Trockel, erzählt der Sammler. Warhol hatte den jungen Kölner schon in den frühen 1970er Jahren in die Kunstszene eingeführt. Der Pop-Art-Künstler holte den Deutschen mit den grünen, stechenden Augen in New York für gemeinsame Persiflagen auf die Horrorfilme „Dracula“ und „Frankenstein“ vor die Kamera.

Die zählen heute noch zu seinen Lieblingsrollen, sagt Kier. Es folgt eine lange Liste: „Die Geschichte der O“, seine vielen Projekte mit dem dänischen Regisseur Lars von Trier, darunter „Breaking the Waves“ und „Melancholia“, Filme von Christoph Schlingensief, und natürlich seine Arbeit mit Rainer Werner Fassbinder in „Lili Marleen“ oder „Bolwieser“.

„Ich habe mehr als 200 Filme gemacht, 100 davon sind schlecht, 50 genießt man mit einem Glas Wein, und die anderen 50 sind richtig gut“, sagt Kier. Zu den Letzteren zählt er auch seine Filme mit dem amerikanischen Regisseur Gus van Sant, der ihn 1991 als Freier in „My Own Private Idaho“ nach Hollywood holte.

Seitdem ist Kalifornien die Wahlheimat des Kölners, der seine Geburtsstadt bei Reisen nach Deutschland aber gern besucht. „Da gehe ich erst mal in den Dom und stelle zwei Kerzen auf, eine für die lebenden Freunde, die andere für die toten“, erzählt Kier.

Im Umgang mit Filmemachern hält sich Kier dabei fest an eine Devise: Er drängt sich nicht auf. „Ich habe noch nie einem Regisseur gesagt, dass ich mit ihm arbeiten möchte“, erklärt Kier. Eine Abfuhr wäre doch peinlich. „Bei Treffen sage ich nur, ich mag deine Filme, aber weiter gehe ich nicht.“ Doch damit fährt der Deutsche in Hollywood offenbar gut. So habe sich etwa Regisseur Alexander Payne mit ihm zum Mittagessen in Palm Springs verabredet – und eine Woche später hatte er den Vertrag für „Downsizing“ (2017) mit Matt Damon und Christoph Waltz in der Tasche, erzählt Kier.

Kier gilt als Spezialist für Schurkenrollen und schräge Charaktere. So spielte er 2012 in dem Trash-Spektakel „Iron Sky – Wir kommen in Frieden!“ den Herrscher einer Nazi-Gemeinde, die auf der dunklen Seite des Mondes lebt. Im Satire-Format mache das Spaß. „Ich denke an Charlie Chaplin in ,Der große Diktator’, aber ich habe noch nie ernsthaft einen Nazi gespielt“, sagt Kier. Er habe es etwa abgelehnt, den Nazi-Verbrecher Josef Mengele, berüchtigter Lagerarzt im Vernichtungslager Auschwitz, in einem Fernsehfilm zu porträtieren.

Vom Ruhestand will Kier mit 75 Jahren nichts wissen. „Ich bin ja fit“, versichert der Schauspieler. „Ich bin zwar kein Vegetarier, aber ernähre mich ziemlich gesund und bin ein Lucky Man.“

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