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NWZonline.de Nachrichten Kultur Medien

Rainer Bock In „der Überläufer“: Der heimliche Weltstar macht sich Sorgen

07.04.2020
Frage: Herr Bock, wie geht es Ihnen?

Bock: Den Umständen entsprechend geht es mir sehr gut. Es gibt sicherlich viele Menschen, die derzeit mit größeren Ängsten und Sorgen zu kämpfen haben. Mir geht es wie allen anderen auch; man ist zu Hause und versucht, die Zeit mehr oder weniger sinnvoll zu verbringen. Meine Frau und ich gehen nur zum Einkaufen raus. Wir wohnen in München sehr schön, in der Nähe von Schloss Nymphenburg. Ich laufe jeden Tag mindestens eine halbe Stunde, das geht hier wunderbar.

Frage: Der Film „Der Überläufer“ handelt von Pflicht, Schuld und Sühne. Jede Figur hat sich versündigt, um zu überleben. Und nur der Zufall hat jedem seine Rolle im Leben zugespielt. Ist der Soldat Willi Stehauf, den der Zuschauer hassen lernt, letztendlich auch ein Opfer?

Bock: Ich kenne die Biografie des Willi Stehauf natürlich nicht wirklich. Aber man kann davon ausgehen, dass vor Kriegsbeginn der gesamte Durchschnitt menschlichen Verhaltens vorhanden war. Dann wurden die Menschen in diese Zeit des Krieges hineingestoßen. Ich glaube, dass bei dem einen die guten und bei dem anderen die schlechten Charaktereigenschaften irgendwann Überhand genommen haben. Es fällt mir unheimlich schwer, darüber zu urteilen, wie ich mich selbst unter solchen Umständen vielleicht verhalten hätte. Hätten mich diese Umstände korrumpiert, oder inwiefern hätte ich mich sonst durch sie verändert? Im Sommer 1944, in dem der Film beginnt, war man diesen Verhältnissen ja schon seit Langem ausgesetzt. Damals ging die Schreckensherrschaft schon auf das Ende zu. Ich versuche, mich da vorsichtig heranzutasten und ich möchte nichts entschuldigen. Aber bis zu dem Zeitpunkt, an dem Willi Stehauf selbst zum Mörder wird, waren seine kleinen Machtspielchen selbst in Friedenszeiten nicht ungewöhnlich.

Frage: Nagen Rollen wie diese am Gemüt?

Bock: Nein. Es erfordert manchmal eine ganz besondere Form der Konzentration, sich einer solchen Figur zu nähern. Das ist anders, als einen Wohlfühlfilm für das ZDF zu drehen, was ich überhaupt nicht wertend meine. Wenn jemand nach solchen Dreharbeiten nicht zu sich zurückfindet, hat er den falschen Beruf. Ein Dreh ist ja keine Therapieeinheit. Der Beruf besteht darin, sich in andere Menschen hineinzudenken und hineinzufühlen und das Ganze dann sichtbar zu machen. Wenn es denn gelingt. Danach ist man wieder der, der man glaubt, zu sein.

Frage: Gab es Zeiten, in denen Sie davon geträumt haben, öfter der Schauspieler zu sein, der am Ende die schöne Frau küsst?

Bock: Nee. Darüber habe ich mir in meinem ganzen Leben noch keine Gedanken gemacht. Ich küsse zu Hause eine schöne Frau.

Frage: Wie oft sind Sie schon vor der Kamera gestorben – und welche Tode waren besonders bewegend?

Bock: Ich habe es nicht gezählt, es war gar nicht so oft. Es gab zwei Tode, bei denen ich es sehr bedauert habe, sie spielen zu müssen. Der eine war die Erschießung am Ende von „Stauffenberg“, bei der auch Generaloberst Olbricht hingerichtet wurde. Wir haben das am Originalschauplatz im Innenhof des Bendlerblocks gedreht. Normalerweise lasse ich mich nicht zu sehr beeindrucken, aber es war schon gruselig, dort zu stehen und zu wissen, dass der Mensch, den ich gespielt habe, vor 70 Jahren auch dort gestanden hat. Aber ich bin wieder aufgestanden, habe mir den Sand von der Uniform geklopft und bin zum Catering gegangen. Er ist damals hier gestorben. Das war ein sehr aufwühlender Moment.

Frage: Sie haben in der letzten Zeit sehr viel gedreht. Kann man sagen, es läuft?

Bock: Ich bin in einem Alter, in dem man keinen Karriereplan mehr hat. Ich freue mich, wenn ich etwas zu arbeiten habe, dass vielleicht auch auf einem etwas überdurchschnittlichen Niveau stattfindet. Ich bin momentan zufrieden und glücklich. Aber wir müssen im Moment abwarten, was geschieht. Für freischaffende Schauspieler ist diese Zeit knüppelhart. Mir sind momentan zwei Filme geplatzt, mit denen ich meine Familie durch den Winter getragen hätte. Auch eine Theaterproduktion wurde abgebrochen. Für Kollegen, die vorher schon weniger zu tun hatten, muss es eine ganz schwierige Situation sein. Zigtausende Menschen aus allen möglichen Sparten wissen im Moment nicht, wie sie klarkommen sollen. Ist da im Rahmen einer gesellschaftlichen Umverteilung nicht mehr möglich? Ich wünsche allen Kolleginnen und Kollegen ein großes Durchhaltevermögen. Und ich hoffe, dass der Staat uns nicht ganz vergisst.

Rainer Bock(65) spielt in „Der Überläufer“ (nach Siegfried Lenz) Unteroffizier Willi Stehauf, der eine Schreckensherrschaft über eine Gruppe versprengter Soldaten führt. Sein Auftritt als Arzt in Michael Hanekes Drama „Das weiße Band“ (2009) brachte dem Kieler die Nominierung für den Deutschen Filmpreis ein.

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