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NWZonline.de Nachrichten Kultur Medien

Kriminalität: Wie Miss Marple, aber mit Facebook

26.06.2017

Berlin Gemma Hoskins und Abbie Schaub hatten vor fast 50 Jahren eine Lehrerin, die sie nie vergessen haben: Sister Cathy. Die Nonne unterrichtete 1969 an einer Mädchenschule in Baltimore an der Ostküste der USA, bevor sie verschwand und zwei Monate später ermordet aufgefunden wurde. Gemma und Abbie sind heute ältere Damen mit einer Mission. Sie wollen aufklären, warum Sister Cathy starb. Wie Miss Marple, aber mit Facebook.

TV-Erlebnis

Der Fall ist sehr düster: Es geht um Mord, Missbrauch und die katholische Kirche. Wusste die Nonne zu viel? Was sagen die Opfer heute? Darum dreht sich die im Mai veröffentlichte Netflix-Serie „The Keepers“ – für die „New York Times“ ein faszinierendes wie niederschmetterndes TV-Erlebnis. Der Streamingdienst hat schon bei den Dokus „Making a Murderer“ und „Amanda Knox“ von wahren Verbrechen (True Crime) erzählt.

Sie boomen als Stoff für Serien, Filme und Magazine. Als Genre ist der Krimi aus dem richtigen Leben schon alt. Der Klassiker „Kaltblütig“ von Truman Capote erschien 1966, darin geht es um den Mord an einer Farmerfamilie in Kansas. Der deutsche Dauerbrenner „Aktenzeichen XY... ungelöst“ startete vor 50 Jahren, im Oktober 1967.

Auch bei Podcasts ist True Crime ein wichtiger Trend – für diejenigen, die solche Geschichten lieber hören als sehen. Das amerikanische „Serial“ über den Mord an einer Schülerin war 2014 überraschend erfolgreich. Dieses Jahr folgte die Reihe „S-Town“ – wobei das Verbrechen darin gar keines ist, wie sich herausstellt. Im deutschen Radio ging es in „Der talentierte Mr. Vossen“ (NDR) und in „Wer hat Burak erschossen?“ (RBB) um Krimis aus dem wahren Leben.

Der „Stern“ brachte mit „Crime“ vor knapp zwei Jahren ein eigenes Heft heraus. Redaktionsleiter Giuseppe di Grazia nennt es eine „wahre Print-Erfolgsgeschichte“. Pro Ausgabe werden demnach 80 000 Exemplare verkauft, es heimste mehrere Preise ein. Im St. Pauli Theater in Hamburg gab es eine Lesung mit Magazingeschichten. „Wahre Verbrechen packen den Leser auf eine ganz besondere Art und Weise, sie sprechen ihn emotional an, und das wesentlich stärker als fiktionale Geschichten es tun“, sagt di Grazia.

Und der Klassiker, den schon eine ganze Generation von Kindern in Deutschland heimlich guckte? Das „Aktenzeichen“ im ZDF hat nach Angaben des Senders mehr Zuschauer, seitdem es vom Freitag- auf den Mittwochabend gewechselt ist. 2016 schauten im Schnitt 5,6 Millionen Zuschauer die Sendung, 2008 waren es erst 4,8 Millionen. Die Aufklärungsquote der gezeigten Fälle habe im April bei mehr als 40 Prozent gelegen.

Kritik wegen vermeintlicher Sensationslust oder Voyeurismus gebe es nur sehr vereinzelt, so der Sender. Die Kriminalfälle werden demnach streng nach den „tatrelevanten Angaben“ dargestellt. Ein Richter muss die Öffentlichkeitsfahndung genehmigt haben. Produktion und Redaktion kennen „selbstverständlich“ alle Vorgaben des Medienrechts und des Jugendschutzes und halten sie ein, wie das ZDF betont. Auch in anderen Sendern laufen Fahndungsmagazine erfolgreich. Der RBB machte für „Täter – Opfer – Polizei“ einen zweiten Sendeplatz frei.

Neu aufrollen

True Crime, wo man auch hinguckt: Super RTL nimmt ab 3. Juli „Cold Justice – Verdeckte Spuren“ ins Programm. Darin rollen zwei Fahnderinnen Mordfälle neu auf, die vor Jahren zu den Akten gelegt wurden. Der Berliner Rechtsmediziner Michael Tsokos ist neuerdings bei Sat.1 „Dem Tod auf der Spur“ – und Themen von Kofferleichen bis zum Skelett im brennenden Auto.

Nichts für schwache Nerven. Falsch ist laut Tsokos die Vorstellung, Gerichtsmediziner benutzten wegen des Leichengeruchs Mentholpaste. „Ich kann Ihnen versichern, wenn ich mir in den vergangenen 25 Jahren bei jeder meiner über 20 000 Obduktionen Mentholpaste unter die Nase geschmiert hätte, dann hätte ich jetzt hier ein klaffendes Loch – und Sie würden geradewegs auf meine Schneidezähne starren.“

Die Welt von Abbie Schaub und Gemma Hoskins in der Netflix-Serie „The Keepers“ ist da beschaulicher. Ihre Notizen machen die beiden Hobby-Detektivinnen auf Filtertüten. Einen pensionierten Polizisten will Gemma mit selbst gemachten Krabben-Frikadellen bestechen. Und manchmal tapst in „The Keepers“ ein Hund durchs Bild.

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