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NWZonline.de Freitag für Meinung

Schluss mit „Realpolitik!“ – Zeit für Utopien

19.07.2019

Wenn ich mich an die doch recht kurze Zeit erinnere, die ich bereits auf dieser Welt bin und mich politisch interessiere, also so in etwa die letzten fünf Jahre, dann fällt vor allem ein Argumentationsmuster auf: das der scheinbaren Alternativlosigkeit. Auch wenn ich mich auf die – für mich beinahe historische Reise – in die jüngere Vergangenheit begebe: Überall ist das „ökonomisch Machbare“ der Maßstab, die Tage der Utopien in der Politik scheinen gezählt. Stolz nennen sich Politikerinnen und Politiker heute „Realos“ oder „post-ideologisch“.

Ole Pruschitzki ist 16 Jahre alt und kommt aus Wardenburg. (Foto: Torsten von Reeken)

Dabei scheint oftmals ignoriert zu werden, dass es natürlich auch heutzutage Dogmen gibt, die Teil der vorherrschenden Ideologie sind, sofern man das Wort Ideologie denn einfach nur mit Weltanschauung übersetzt. Eine dieser anscheinend unumstößlichen Wahrheiten der „Realpolitik“: Das Bruttoinlandsprodukt muss ständig wachsen. Darauf aufbauend wird Wirtschaftswachstum auch gerne als Allheilmittel für all unsere Probleme verkauft. Dementsprechend wird natürlich jedes Mal die Apokalypse an die Wand gemalt, wenn ein Abschwung oder gar eine Depression droht. Dabei muss man einfach nur den Konjunkturzyklus kennen, um zu wissen, dass es recht normal und vorhersehbar ist, dass Wachstum nicht einfach stur linear erfolgt. Und jedes Mal, wenn es also wieder soweit ist, dass sich das „wirtschaftliche Klima“, wie es so schön heißt, verschlechtert, werden Abstiegsängste geschürt und alle Ausgaben, die kurzfristig keinen wirtschaftlichen Nutzen haben, in Frage gestellt.

Von einigen Politikern und Politikerinnen wird heute schon fast stolz behauptet, Hartz 4, die unzureichenden Bemühungen beim Umwelt- und Klimaschutz oder die Unterbringung von Geflüchteten in „Ankerzentren“ seien realpolitische Entscheidungen gewesen, denn sie hätten ja Arbeitsplätze erhalten oder geschaffen oder Kosten gesenkt oder was auch immer.

Lesen Sie hier weitere Beiträge von jungen Leuten für „Freitag für Meinung“

Dabei ist für mich nichts davon moralisch vertretbar oder gar eine effektive Problemlösung. Was man mit „realistischer“ Politik eigentlich meint, ist Politik, die sich nicht über unsere heutigen Gewohnheiten hinausbewegt. Die Zukunft wird zur „Gegenwart plus“, wie es der Zukunftsforscher Harald Welzer ausdrückt. Die Politik wird zur reinen Problemlösungsmaschinerie degradiert, immer erst reagieren und nicht gestalten. Dementsprechend unspannend gestalten sich auch die meisten Wahlkämpfe heutzutage.

Eine wirklich realistische, da zukunftsfähige Politik würde neue Ansätze suchen, statt immer auf die gleichen, bekannten Handlungsweisen und Ideen zurückzugreifen. Eine wirklich realistische Politik würde aufhören zu versuchen, Wirtschaftswachstum um des Selbstwillen wegen zu erzielen, bis alles auf dieser Welt irgendwie in ökonomische Kreisläufe eingebunden ist (und Klima- und Umwelt zerstört sind) und sie würde aufhören, dem technischen „Fortschritt“ hinterherzuhecheln und sich stattdessen Zeit nehmen, um Folgen und Nutzen abzuschätzen, um so überhaupt erst wieder in der Lage zu sein, diesen gesellschaftlichen Aspekt zu gestalten, anstatt diese Aufgabe ein paar wenigen im Silicon Valley zu überlassen. Aber nein, das würde ja Deutschlands Wettbewerbsfähigkeit verringern…

Eine weitere fixe Idee, die ich in Anbetracht meiner Zukunft geradezu grotesk finde, behandelt unsere Konsumgewohnheiten. Dabei ist sogar ein gewisses Maß an Schizophrenie erkennbar: einerseits das Wissen darum, dass unser Konsumverhalten mittlerweile weit über das hinausgeht, was unser Planet aushält, andererseits die mangelnde Bereitschaft, auf etwas zu verzichten. Lieber lässt man sich vom grünen Anstrich eines Produktes einlullen, aber wem erzähle ich das, wir sind alle sicherlich schon mal auf „Greenwashing“ reingefallen.

Freitag für Meinung

Wir suchen junge, meinungsstarke Autorinnen und Autoren, die jünger als 21 Jahre sind und freitags in der NWZ und auf NWZonline einen Meinungsbeitrag schreiben möchten.

Die Ergebnisse findet ihr dann unter „Freitag für Meinung“ auf NWZonline.

Anmeldungen bitte per Mail an chefredaktion@NWZmedien.de

Auf den ersten Blick also umso erstaunlicher, dass die Lehre daraus nicht lautet: nicht zu konsumieren ist besser als vermeintliche Alternativen zu konsumieren. Wer zweimal im Monat shoppen geht, dabei aber nur fair gehandelte Bio-Klamotten kauft, tut dem Planeten sicherlich auch keinen Gefallen. Auf dem zweiten Blick befinden wir uns aber wieder mal in den Fängen unserer Wirtschaftsordnung: Ein deutlicher Konsumrückgang und Wirtschaftswachstum vertragen sich nun mal gar nicht. Anstatt nun aber zu versuchen, den Menschen beizubringen, dass Klima-, Umwelt- und Naturschutz sehr wohl Verzicht auf materielle Dinge bedeutet und wir uns lieber neue Wertmaßstäbe, Vorstellungen, Ideen und Arbeits- und Wirtschaftsweisen suchen sollten, versucht der oder die „Realpolitiker/in“ lieber das Unmögliche: unseren Konsum reinzuwaschen, bevorzugt mit technischen Lösungen, die das Problem wahlweise verlagern oder in die Zukunft verschieben (Siehe E-Autos, „Bio“-Kraftstoffe etc.).

Dabei wäre eine Welt, in der wir nicht mehr 40 oder mehr Stunden pro Woche teilweise sinnlosen Beschäftigungen nachgehen, um dann in unserer knapp bemessenen Freizeit möglichst viel zu konsumieren (oder einfach nur zu kaufen, um dann keine Zeit mehr zum konsumieren zu haben), eine Welt mit Zeitwohlstand also, doch gar nicht mal so schrecklich. Dafür müssten politische Persönlichkeiten aber wieder damit anfangen, Gewohnheiten zu hinterfragen und neue Horizonte, Träume und Ziele zu eröffnen und aufzuzeigen. Das könnte das „Wahlvolk“ aber ja negativ aufnehmen. Also bloß nichts riskieren.

Dass tiefgreifende Veränderungen von unten, von der Bevölkerungen ausgehen und nicht verordnet werden können, ist mir dabei natürlich bewusst. Es wäre aber doch schön, wenn es politische Kräfte gäbe, die die schon vorhandene Sehnsucht nach Utopien abbilden würden.

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