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NWZonline.de Meinung von Morgen

Freitag Für Meinung: So problematisch und manipulativ kann Sprache sein

27.02.2020

„-ismen“ bestimmen zunehmend unseren Sprachgebrauch. Vor allem in der politischen Auseinandersetzung sind Begriffe wie Sozialismus, Nationalismus, Konservativismus, ... allgegenwärtig. All diese Begriffe beschreiben stichwortartig eine (politische) Position, die das Selbstverständnis einer einzelnen Person oder einer Personengruppe definiert bzw. ihr zuschreibt. Durch das Suffix „-ismus“ können neutral konnotierte Wörter wie „Kommune“ oder „Klasse“ mit Hilfe von ihrem dunklen Zwillingsbruder – dem „Kommunismus“ und dem „Klassismus“ – zu Schlagwörtern transformiert werden, welche Emotionen wecken und die jeweilige Zielgruppe mobilisieren sollen. Hierbei entsteht folgende Problematik: Nicht jeder weiß zwischen dem Ursprungsbegriff und seiner Erweiterungsform zu unterscheiden. Der Unterschied zwischen dem Islam und einem Islamisten scheint vielen nicht geläufig zu sein, da beide Wörter immer wieder synonym zueinander benutzt werden. Bei dem Begriff Feminismus zu unterscheiden, ob es sich um die erste, zweite oder dritte Welle der Frauenrechtsbewegung handelt, ist meist gar nicht mehr möglich.

Autor dieses Beitrages ist Tim Kunad. (Foto: Kunad)

Zwei Aspekte sind also beim Umgang mit Ismen besonders problematisch: Zum einen fällt die grundsätzliche Differenzierung zwischen den Ismen und den Nicht-Ismen schwer. Darüber hinaus werden in einem Sammelbegriff aber oft auch noch mehrere voneinander unterschiedliche Gruppen zusammengefasst, deren fehlende oder unklare Abgrenzung voneinander es für den Laien unmöglich macht, Unterschiede wahrzunehmen und zu reflektieren.

Nehmen wir uns zunächst des ersten der beiden Probleme an: Das sprachliche Problem kann sowohl als Nebenerscheinung von Uninformiertheit anfallen (der Unterschied zwischen einem Moslem und einem Islamisten ist schlichtweg nicht bekannt), als auch bewusst (aus-) genutzt werden, wenn beispielsweise ein Redner die Ismen und Nicht-Ismen verwechselt, um seine Zuhörer emotional zu bewegen und sie dann von seiner Lösung des „überaus bedrohlichen“ Problems zu überzeugen. Daraus folgt: Für den alltäglichen Sprachgebrauch sollte man sich im Vorhinein immer klar sein, welcher Begriff der angemessene ist. Zu beachten ist hierbei, dass der Nicht-Ismus sehr wohl ohne den Ismus existieren kann, nicht aber umgekehrt. Beim Verfolgen von Reden und Debatten scheint es heutzutage unerlässlich zu sein, die Wortwahl des Redners genau zu revidieren, um sich der absichtlichen Verwässerung der beiden Begriffe entziehen zu können.

Das zweite Problem, das teils breite Spektrum an Positionen innerhalb eines Ismus zu berücksichtigen, ist noch komplexer. Das Bild, das man (oberflächlich und so lange man sich nicht intensiver damit beschäftigt) von einer Gruppierung hat, ist in der Regel jenes, welches am meisten verbreitet wird (über TV, Zeitung, soziale Medien etc.). Da sich Skandale am besten verkaufen, ist dies meist ins Extreme verzerrt und negativ konnotiert. Es ist insofern durchaus verständlich, dass die unter einem Ismus zusammengefassten Personen und Gruppen häufig im Ganzen und a priori be- und verurteilt werden, denn es dürfte kaum jemand dazu in der Lage sein, sich zu jedem aktuellen Thema hinreichend zu informieren. Somit wird leicht auf solche Pauschalurteile zurückgegriffen. Eine unter Umständen problematische Vereinfachung! Für eine fundierte Meinungsbildung ist es daher unerlässlich, sich über die unter einem Sammelbegriff zusammengefassten Gruppierungen, deren Motivation, Haltungen und Einstellungen anhand seriöser Quellen tiefgreifend zu informieren.

Nur wer kritisch ist und sich auskennt, kann sich vor Falschinformationen und Beeinflussung schützen.

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